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Um die Bodenfruchtbarkeit steht es schlecht. Die weltweiten Daten sind alarmierend. Für die zukünftige Produktion ausreichender Nahrungsmittel kann das verheerend sein. Die Folgen der intensiven Landwirtschaft sind einer der Gründe, warum viele Flächen unfruchtbar werden. Einem Mantra gleich, wiederholen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und auch der Wissenschaft, dass wir die Nahrungsmittelproduktion weiter intensivieren müssen, um die Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren. Um das zu erreichen, zeigen aber immer mehr Studien z.B. der EAT-Lancet-Commission andere, nachhaltigere Wege auf. Sie machen deutlich, dass wir umdenken müssen. Dass es vielmehr um ein umfassendes ökologisches Bewusstsein in der Landwirtschaft und um nachhaltige Ernährung geht.

Bodenerosion hat den weltweiten Sedimenttransport durch Flüsse auf rund 2,3 (+/-0,6) Milliarden Tonnen pro Jahr erhöht. Dieses Bild der Internationalen Raumstation (ISS) vom Rio de la Plata zeigt Buenos Aires auf der rechten Seite und Montevideo auf der linken Seite. Die Sedimente der Flüsse Paraná und Uruguay färben das Wasser braun.
Source: NASA, 17/03/2003; eol.jsc.nasa.gov (https://wad.jrc.ec.europa.eu/sites/default/files/atlas_pdf/JRC_WAD_fullVersion.pdf (Seite 99))

Ökologische Landwirtschaft kann die Welt ernähren

Wir können die heutige und zukünftige Bevölkerung dieses Planeten durchaus mit einer vollständig nach ökologischen Kriterien wirtschaftenden Landwirtschaft ernähren. Wissenschaftler haben dies wiederholt nachgewiesen, zuletzt in einer Nature-Studieoder der Machbarkeitsstudie der Fibl über 100% Biolandbau in Österreich. Auch verschiedene Medienberichte weisen darauf hin, wie wichtig eine Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten ist. Eine flächendeckend nachhaltige Landwirtschaft erfordert, die Lebensmittelverschwendung und den Fleischverzehr zu verringern.

Die Agrarökologen können es also doch nicht stemmen, wird es jetzt heißen. Dabei halten die Ziele, weniger Essen wegzuschmeißen und weniger Fleisch zu essen, argumentativ nicht nur bei der Diskussion über eine weitergehende Ökologisierung der Landwirtschaft stand. Sie sind moralisch angesagt. 821 Millionen Menschen auf der Welt leiden an Hunger und Unterernährung, während 38 Millionen Kinder und 672 Millionen Erwachsene, vornehmlich im globalen Norden beheimatet, an Fettleibigkeit (Adipositas) und 1,9 Milliarden an Übergewicht leiden. Mit steigender Tendenz, wie in einem Bericht der FAO steht.

Venus von Willendorf
Adipöse Menschen gab es offensichtlich auch schon vor fast 30.000 Jahren. Allerdings haben die damaligen Gesellschaften mit Sicherheit nicht den ganzen Planeten durch ihre Esskultur beeinflusst, so wie das heute der Fall ist.
(Foto: Matthias Kabel – Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1526553)

 

Katastrophale Folgen der Eiweissfuttermittel-Importe

Heute wird auf Millionen Hektaren, vor allem in Südamerika, Soja für den Export als Futtermittel für die Milch- und Fleischproduktion angebaut. Diese Flächen stehen damit nicht mehr für die direkte Lebensmittelproduktion für die Menschen zur Verfügung. Abgesehen von den katastrophalen Auswirkungen auf die Biodiversität in hochsensiblen Naturräumen, dem durch industrielle Landwirtschaft verursachten Bodenverlust, dem massiven Einsatz von Gentechnik und den sozialen Auswirkungen auf die kleinbäuerlichen Gesellschaftsstrukturen durch Verlust der landwirtschaftlich genutzten Flächen an die Agrarindustrie, ist die Umwandlung von pflanzlichem Eiweiß in tierisches nicht sehr effizient. Man braucht etwa 10 Kilogramm Futtermittel, um ein Kilogramm Fleisch zu ermästen. Wenn man diese Lebensmittel direkt konsumieren würde, könnten laut science ORF damit zehnmal mehr Menschen ernährt werden.

Schon 2011 wurde für die Schweiz festgestellt: „Würden alle importierten Eiweissfuttermittel im Inland angebaut, so müsste dafür über die Hälfte der heutigen offenen Ackerfläche reserviert werden.“ Und bei uns in Südtirol schaut es mit Sicherheit nicht viel anders aus. Aber in einer Gesellschaft, die es gewöhnt ist, Probleme zu externalisieren und die sich auch noch den Luxus leistet, die dadurch entstandenen Auswirkungen gar nicht mehr als selbst produziert wahrzunehmen, geraten solche Zusammenhänge schnell wieder aus dem eigenen Blickfeld.

Bodenverluste bedrohen die Welternährung

Sandsturm in Deutschland, Quelle: LBEG, Foto: W. Schäfer https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Boden/Bilder/Bodenerosion/Bod_BoEro_Sandsturm_g.jpg?__blob=normal&v=1

Jedes Jahr gehen laut einem Bericht der UNEP auf dieser Erde 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden durch intensive Landwirtschaft verloren. Mit der Rechtfertigung, die Weltbevölkerung ernähren zu müssen, wird diese Art der Landwirtschaft von Seiten der Politik, der Bauernverbände und der Lebensmittelindustrie weiterhin unterstützt und gefördert. In derselben, alarmierenden Studie wird von 1/3 des bebaubaren Bodens gesprochen, der inzwischen ernsthaft geschädigt ist. Das betrifft nicht nur Afrika, Lateinamerika oder Asien. Schlechtes Bodenmanagement verursacht auch in Europa einen geschätzten, jährlichen Verlust von 970 Millionen Tonnen Boden. Anders ausgedrückt: 2,46 Tonnen je Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche gehen in Europa jährlich verloren.

Kein Land kann dem Verlust von Boden und Fruchtbarkeit standhalten

Es ist höchste Zeit, innezuhalten und die aktuelle Entwicklung zu überdenken. „Wir haben eine Art der Landwirtschaft entwickelt, die die Erde beschädigt. Länder können Staatsstreiche, Kriege und Konflikte überstehen, aber kein Land kann dem Verlust von Boden und Fruchtbarkeit standhalten“ warnt die Sustainable Soil Alliance. „Industrielle Landwirtschaft kann die Menschheit ernähren – aber nicht nachhaltig“ setzt Louise Baker von der UNCCD nach. Die landwirtschaftliche Produktion ist seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts durch Technologisierung, Bewässerung, Dünger und Agrochemie weltweit um das Dreifache gestiegen. Und das führt über kurz oder lang zur Aufgabe von ursprünglich fruchtbarem Boden und zur Versteppung von fruchtbaren Landschaften, verursacht vor allem durch Erosion. Langfristige Auswirkungen nicht nur auf die Lebensmittelproduktion, sondern auch auf die Biodiversität, den CO²-Ausstoß und auf Naturkatastrophen sind die Folge.

Bodenverluste je Hektar und Jahr in Europa Die Abbildung zeigt den geschätzten Bodenverlust durch Wassererosion. Gebiete mit niedriger Bodenerosion (grün) bis zu hoher Erosion (Rot/violett). Klar erkennbar sind die Probleme der Bodenerosion im Mittelmeergebiet (Süd-Spanien, Italien und Griechenland) sowie im Südwesten Frankreichs. (https://esdac.jrc.ec.europa.eu/Projects/Soil_Atlas/Download/Atlas.pdf)

Ist eine nachhaltige Intensivierung also die Lösung? Laut Report „Reaping the benefits“ der Royal Society heißt das: Es soll mehr produziert werden, ohne dass damit die Umwelt negativ beeinflusst und Anbaufläche vergrößert wird. Klingt gut. Aber es könnte sich als Trugschluss erweisen, in immer besseren Technologien (Digitale Landwirtschaft, Precision Farming, Gentechnik, usw.) die Lösung der Welternährung zu suchen, während wir dabei die Grundlage unserer Produktion – den Boden – aus den Augen verlieren.

Verfechter einer konventionellen Landwirtschaft wenden ein, dass eine Intensivierung die Erträge pro Hektar steigert. Das würde Landwirte veranlassen, bestimmte Flächen nicht mehr zu bewirtschaften bzw. anderweitig zu kultivieren. Ein internationales Forscherteam konnte das in den meisten Ländern zwischen 1970 und 2005 aber nicht nachweisen. Meist steigen die Erträge pro Fläche ohne Flächenaufgabe. Das erscheint aus einer ökonomischen Perspektive auch nachvollziehbar. Mit dem erhöhten Angebot an Nahrungsmitteln sinken die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe. Flächen werden aus anderen Gründen aufgegeben, vor allem dann, wenn keine entsprechenden agrarpolitischen Anreize bestehen. Oder wie in weiten Teilen des italienischen Alpenbogens. Hier fallen Flächen brach, da die traditionelle Landwirtschaft im Zuge des Generationswechsels und fehlender Hofnachfolger aufgegeben wird. Und auch das ist nicht im Sinne einer Ernährungssicherung durch die Landwirtschaft.

Ein „Ecological Turn“ – mehr Landwirtschaft nach ökologischen Grundsätzen, weniger Verschwendung und weniger Fleischkonsum – ist das zukunftsweisende Mantra.

Autoren: Jutta Staffler und Thomas Streifeneder

References:

Please find all references in the links.

Cover Photo: https://medienschafe.files.wordpress.com/2011/01/fast-food-evolution-003.jpg

 

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