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Handmade wooden agriturismo sign in Tuscany – agritourism is a typical concept of bed and breakfast in a farming environment in Italy.

Urlaub auf dem Bauernhof, kurz Agrotourismus, erlebt seit Jahren stark steigende Übernächtigungszahlen. Gleichzeitig entwickelt er sich immer mehr zu einem hochqualitativen Urlaubsangebot. Das Streben nach immer anspruchsvolleren Kunden ist durchaus skeptisch zu sehen. Allzu touristische Strukturen gefährden die Ursprünglichkeit des Hofes und damit die Glaubwürdigkeit des Angebots. Im November treffen sich internationale Fachleute an der Eurac, um beim weltweit ersten Agrotourismus-Kongress unter anderem diese Themen zu diskutieren. Erklärtes Ziel der Forscher: Agrotourismus klar zu definieren und ihn durch eine eindeutige Vermarktung von anderen Tourismusformen zu unterscheiden.

              Während die Gäste noch tief in ihrem Ferienapartment mit Dolomitenblick schlummern, stellen fleißige Hände sachte fünf Sorten hausgemachte Marmelade auf die Kommode neben dem Eingang. Pünktlich zur Frühstückszeit finden sie dann noch hausgemachten Speck, Käse und duftende Kuchenschnitten auf einem Tablett, sorgfältig vor der Zimmertür abgestellt.

Ein herzhaftes Frühstück ist auch nötig, denn der erholsame Schlaf mit Luftkurortcharakter sorgt für ordentlichen Appetit. Einzig Vogelstimmen durchbrechen die Stille auf alpiner Höhe. Das leise und monotone Summen der Melkmaschine, die der Bauer im Morgengrauen anwirft, stört da niemanden. So gestärkt machen sich die Gäste von der Herberge auf zur geführten Dolomiten-Rundwanderung, auf der die Bauernfamilie den Gästen ihre Lieblingsecken verrät. Am Abend beim Kuhmelken diskutieren Landwirt und Gast die Situation der Milchpreise.

Was heißt eigentlich „Urlaub auf dem Bauernhof“?

Das Melken und andere landwirtschaftliche Tätigkeiten mitzuerleben ist nur eine der vielen Merkmale von Urlaub auf dem Bauernhof. Der Gast lernt den Betrieb und die alltägliche bäuerliche Arbeits- und Lebensweise kennen. Hausgemachte Produkte zu konsumieren und kaufen ist ein weiteres wichtiges Merkmal. Auflagen, die regional sehr unterschiedlich sind, regeln wie viele Produkte vom eigenen oder von umliegenden Höfen stammen müssen. Das Entscheidende bei allen agrotouristischen Angeboten ist: Es handelt sich um einen Hof, meist in Familienhand, der eine funktionierende Landwirtschaft betreibt. Der Anbieter muss mehr Zeit in der Landwirtschaft als für den Tourismus aufwenden. Die agrotouristische Tätigkeit erfolgt ergänzend zur jener für die Landwirtschaft und stört den Ablauf der Landwirtschaft nicht.

Vielzahl an Angeboten

Agrotouristen können heute zwischen historischen Bauernhof, Vitalurlaubshof und Allergiker-freundlichen, bis hin zum Reiter-, Bio- und Klimabauernhof wählen. Die Südtiroler Dachmarke Roter Hahn zum Beispiel hat auf ihrer Webseite 13 verschiedene Unterkünfte zusammengefasst und diese in fünf Qualitätsstufen eingeteilt. Wer online und last minute einen Urlaub auf dem Bauernhof buchen will, findet hier schnell eine Übersicht der freien Unterkünfte.

Agrotourismus – eine tragende Säule der Landwirtschaft

Seit Jahren wächst Urlaub auf dem Bauernhof stark. In Italien stieg die Zahl der agriturismi in den letzten zehn Jahren um 60%. In Südtirol bietet mittlerweile jeder sechste Betrieb Agrotourismus an. Agrotourismus ist neben Obst, Milch und Wein zur vierten tragenden Säule der Landwirtschaft geworden. Die Einnahmen sind mit jenen im Weinbau vergleichbar. In Südtirol machen 2,5 Mio. Übernachtungen 8% aller Übernächtigungen aus. Urlaub auf einem Bauernhof zu verbringen entspricht auf ideale Art und Weise dem seit Jahren konsolidierten Trend zu Natur, Regionalität und authentischen Erlebnissen. Als nachhaltiger Tourismus ist er vielerorts ein interessantes alternatives Tourismusangebot im ländlichen Raum. Als zusätzliche Einkommensquelle trägt er dazu bei, dass in peripheren und gebirgigen Gebieten Bauern ihre Betriebe weiter bewirtschaften. Denn sinkende Preise für Agrarprodukte und steigende Produktionspreise zwingen viele Landwirte zu diversifizieren und zusätzliches Einkommen zu generieren.

Aktuelle Entwicklungen – Land- versus Agrotourismus

Die Ansprüche der Verbände steigen kontinuierlich. Die Räume und Wohnungen sind oft erstaunlich modern ausgestattet und befriedigen auch den anspruchsvolleren Gast. Es ist unternehmerisch gedacht, bei der Entwicklung agrotouristischer Angebote auf die Trends der Nachfrage zu achten. Bestimmte Entwicklungen sind kritisch zu sehen. Der Druck ein wettbewerbsfähiges Angebot zu entwickeln führt unter Umständen –  bietet der Hof z.B. Wellness und Spa mit Pools an – zu kommerziellen und nicht authentischen Höfen. Das betrifft auch die maximal mögliche Anzahl von Betten. In der Toskana und im Veneto sind es bis zu 30. Solche Zahlen lassen eher an ein Hotel als an einen Bauernhof denken. Wie die Zukunft bald aussehen kann zeigt France Passion, wo auf den Höfen Caravans stehen. In manchen Fällen ist es deshalb besser von Landtourismus als von Agrotourismus zu sprechen (siehe hierzu einen Überblick der Diskussion).

Die Ziele des Agrotourismus-Kongresses

Bestimmte Angebote können also das genuine Image des Agrotourismus gefährden, der auf eine vitale Landwirtschaft aufbaut. Der interessierte Gast kann die Angebote nicht unterscheiden. Die Grenzen und Unterschiede zwischen verschiedenen Arten des Landtourismus (countryside/rural tourism), fälschlicherweise als Agrotourismus vermarktet, verwischen. Die klare Unterscheidung zwischen Agrotourismus und anderen Formen des touristischen Angebots im ländlichen Raum stellt eine der größten Herausforderungen für das Marketing und die Vermarktung des Sektors dar. Hier setzt der erste internationale Kongress zum Agrotourismus an: Keine große Tagung widmet sich bisher ausschließlich dem Phänomen und der Weiterentwicklung des Agrotourismus.

Die Wissenschaftler des Instituts für Regionalentwicklung an der Eurac in Zusammenarbeit mit dem Dachverband Roter Hahn schließen nun mit dem ersten weltweiten Kongress für Agrotourismus diese Lücke. Dieser findet vom 7.-9.11. an der Eurac in Bozen/Italien statt. Ziel ist es in enger Zusammenarbeit mit allen relevanten regionalen Akteuren, Wissenschaftler und Praktiker zusammenzubringen, um aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen zu diskutieren. Das Programm bietet neben ausgewählten prominenten Rednern und Grundsatzreferenten am Vormittag eine Vielfalt an thematischen Sessions an. Exkursionen zu guten Beispielen in der Region sind integrativer Bestandteil des Kongresses.

Eine Roadmap für Agrotourismus

Der Kongress ist eine internationale Plattform, um Kriterien für genuinen Urlaub auf dem Bauernhof zu erarbeiten und diesen dadurch gezielt zu unterstützen. Zahlreiche Akteure mit unterschiedlichen Zugängen zu dem Thema tauschen ihre Erfahrung aus. Sie erarbeiten ein White Paper und damit Handlungsempfehlungen, um Lobbyarbeit auf politischer Ebene zu leisten. Damit schafft der Kongress die Grundlage, aktuelle Herausforderungen und Lösungen auch mit politischen Entscheidungsträgern zu diskutieren. Agrotourismus ist eine gelungene intersektorale Symbiose von Landwirtschaft und Tourismus. Das Ziel ist, dass eine international verbindliche Zertifizierung den Sektor regelt, um ihn zielgerichtet zu vermarkten und schützen. Das sichert eine wichtige Einkommensquelle der Landwirte, vor allem kleinstrukturierte Familienbetriebe, vor Missbrauch. Potentielle Gäste erhalten ein eindeutig charakterisiertes touristisches Angebot im ländlichen Raum. Kernelement ist ein Hof, der vor allem Landwirtschaft betreibt: Erst Landwirtschaft, dann Tourismus!

Autor: Thomas Streifeneder

Useful links:

  • http://agritourism.eurac.edu/
  • http://www.eurac.edu/de/research/mountains/regdev/Pages/default.aspx
  • https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2211973616300952
  • https://www.france-passion.com/
  • https://www.istat.it/it/archivio/agriturismo
  • https://www.roterhahn.it/de/


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