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Vorarlberg und Südtirol haben einiges gemeinsam. Die zentrale Lage in den Alpen, Grenzregion zu sein, eine starke, eigene regionale Identität mit Parallelen in der Geschichte, die schlussendlich aber dann zu einer unterschiedlichen Entwicklung geführt haben. 1919 konnten die Vorarlberger abstimmen, ob sie der 27. Kanton der Schweiz werden wollten (Kanton Übrig wurde das Land abwertend genannt) oder ein Bundesland Österreichs. Zu Schweizern wurden die Vorarlberger nicht und den Lauf der Geschichte Südtirols kennen wir.

Diese Gemeinsamkeiten und unsere aktuellen Forschungsschwerpunkte waren der Anlass, das Bundesland Vorarlberg bei unserer alljährlichen Exkursion zu besuchen. Für knapp drei Tage eintauchen in Gespräche und Diskussionen, Bilder und Emotionen, Neues und Altes. Unser Basislager hatten wir im wirtschaftlichen Epizentrum der Region, in Dornbirn. Die Tagesziele waren von dort aus gut zu erreichen. Die sechs bevorstehenden Arbeitstreffen fokussierten das breite Spektrum der Regionalentwicklung: die Errichtung von Gewerbegebieten, Stadtentwicklung, Handwerk, Baukultur und Design, Kultur- und Tourismusmanagement. Unsere Partner und Kontaktpersonen vor Ort waren offen, dialogbereit und gut vorbereitet.

Wie organisieren die Vorarlberger ihre Zukunft? Welche Prioritäten werden wie und von wem gesetzt und wo holen sich die Entscheider aus dem ‚Ländle‘ (so nennen die Vorarlberger ihre Heimat) das erforderliche Know-how? Was sind in Folge die kollektiven, regionalen Kernkompetenzen der Vorarlberger, die über Erfolg oder Misserfolg in der Regionalentwicklung entscheiden? Diesen Fragen sind wir nachgegangen, Schritt für Schritt.

Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ganzheitliche Handlungsmaxime spielt in Vorarlberg in zweierlei eine wichtige Rolle: Zum einen wird Nachhaltigkeit als Tugend des Vorausschauens dekliniert, zum anderen als Konzept der Generationengerechtigkeit interpretiert. Für Letzteres verwenden die Vorarlberger auch den Begriff ‚enkeltauglich‘. Konkret manifestiert sich diese Nachhaltigkeit in sehr unterschiedlichen Facetten. So sind Mehrgenerationen-Wohnsiedlungen auch im ländlichen Raum Vorarlbergs nicht nur Wunschdenken, sondern Realität, wohl wissend, dass der demographische Wandel kommen wird. Auch ein bewusst gestalteter Mix unterschiedlicher sozialer Gesellschaftsschichten bei der Errichtung von Wohnsiedlungen ist Teil der Polit- und Baukultur, um Ghettoisierungen bestmöglich zu vermeiden. Nachhaltigkeit bedeutet in Vorarlberg aber auch bewusst auf regionale Ressourcen zu setzen und Energieeffizienz nicht nur an Sparlampen festzumachen. Dabei scheut man den Konflikt mit manchem Stararchitekten nicht, wenn es darum geht, über die Verwendung von Baumaterialen zu entscheiden und der Regionalität Priorität zu gewähren.

Interessenausgleich und private Initiative
Die Privatinitiative ist für die Regionalentwicklung in Vorarlberg von großer Bedeutung. Nicht die öffentliche Hand errichtet Gewerbegebiete, sondern private Investoren. Nicht die öffentlichen Hand organisiert die Innovation, sondern die Betriebe selbst. Der Vorarlberger scheint dem Privaten zu Vertrauen und der private, wirtschaftliche Akteur ist sich bewusst, dass die beste Rendite nur dann erwirtschaftet werden kann, wenn das Vorhaben sich an langfristigen Zielen orientiert und von der Bevölkerung angenommen und mitgetragen wird. Spezialisierung und Dezentralität sind dabei wichtige Koordinaten in der politischen Entscheidungsfindung. Ortschaften und Städte versuchen sich zu ergänzen. Für das bevölkerungsstarke Rheintal überlegen sich die Entscheidungsträger, ob es Sinn machen könnte, diesen regionalen Ballungsraum als vernetzte Stadt zu begreifen, um dadurch Stärken aber auch Schwächen auszugleichen, ohne Doppelgleisigkeiten zu produzieren. Die Feldkircher verstehen sich beispielsweise nicht als Wettbewerber zur Kulturstadt Bregenz, sondern versuchen eine Nische zu bespielen, die das Bregenzer Kulturangebot, welches sich vor allem an das Kultur-Etablissement richtet, ergänzt.

Formgebung
Das Gespür für das Schöne ist in Vorarlberg ein ständiger Begleiter. Aller Voraussicht nach war die Architektur die treibende Kraft dahinter, damit sich aus dem Gespür für die Formgebung eine Art regionale Kernkompetenz etablieren konnte. Ein gelungenes Beispiel, um diese Kernkompetenz zu erleben, ist das Haus des Vereins Werkraum im Bregenzerwald. Über achtzig Handwerker haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen, um gemeinsam die eigene Zukunftsfähigkeit zu stärken. Der Werkraum Bregenzerwald hat sich als internationale Referenz etabliert und heute arbeitet diese Struktur mit renommierten Architekten und Designer zusammen und wird so zu einem zentralen Innovationsmotor der Vorarlberger Wirtschaft aber auch der Alltagskultur. Die Kompetenz des Handwerks aber auch die Absatzmöglichkeiten konnten ausgebaut werden, denn gemeinsam sind die Handwerker nun auch in der Lage Großprojekte zu stemmen. Mitten im Nirgendwo hat der Schweizer Architekt Zumthor diesem Verein ein Gesicht gegeben. Der in mattem schwarz gehaltene Showroom ist Ort des Austausches, Verkaufsraum und touristischer Attraktionspunkt. Architektur und Handwerk nehmen eine wichtige Rolle ein, um die Kompetenz Formgebung ins Ländle zu tragen. Mit Sicherheit spielt auch die Nähe zur Schweiz eine wichtige Rolle, damit sich diese gestalterische Kompetenz etablieren konnte. Kennzeichnend für die Design-Kompetenz Vorarlbergs ist, dass ihre Wirkung bzw. der Aktionsradius nicht auf prestigeträchtige Objekte reduziert ist, sondern vielmehr eine Demokratisierung erfährt. In allem geht es den Vorarlbergern niemals um den großen Wurf – sondern es ist die gepflegte Kultur der kleinen Dinge, die schlussendlich das große, gelungene Ganze ergibt.

Mit Sicherheit ist Vorarlberg nicht auf diese drei Schwerpunkte reduzierbar, aber mit Sicherheit sind Nachhaltigkeit, Interessenausgleich und Formgebung treibende Kräfte hinter der Regionalentwicklung, die auch dazu führen – so scheint es zumindest im ersten Anschein – dass die Region eine gewisse Resilienz ausstrahlt. Industrie, Tourismus, Handwerk, Landwirtschaft sind in Balance und möglicherweise ist diese Balance im gesamten Alpenraum einzigartig. Es ist nicht der Hotelbesitzer, der die Dorfpolitik bestimmt und auch nicht der Industriekonzern. Es manifestiert sich ein Gleichgewicht, das wie ein imaginärer Schatten alle Akteure verbindet und antreibt, gemeinsam Sorge zu tragen, damit eine prosperierende Zukunft eintreffen möge.

Was kann Südtirol von Vorarlberg lernen? Einiges.

Autor: Manuel Demetz

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