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Schrumpfung-laendlicher-Raum

Trotz der in zahlreichen ländlichen Räumen zu beobachtenden und nicht mehr zu ignorierenden strukturellen Schrumpfungsprozesse, ausgelöst durch Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung, wird es nicht gerne gehört, wenn öffentliche Akteure das Wort „Schrumpfung“ und die damit zusammenhängenden Prozesse ansprechen.

Die Ursache dafür liegt vermutlich darin, dass Schrumpfung mit Rückschritt oder gar Untergang, mit Potentialarmut und Strukturschwäche, mit geringer Wertschöpfung und nicht zuletzt mit Qualitätsverlusten im Sinne der sinkenden Lebensqualität, in Verbindung gebracht wird. Kollokationen wie „verlassene Häuser“, „sterbende Dörfer“, „verödende Kleinstädte“ und „Entleerungsgebiete“ tragen ihr Übriges dazu bei. Doch sollte es eigentlich vermieden werden in diesem Zusammenhang von Verlusten und Entwicklungsproblemen zu sprechen.

Richtig ist, dass diese Phänomene und Tatsachen neuen Handlungsbedarf entstehen lassen, dem mit bisherigen Entwicklungskonzepten und -instrumenten womöglich nicht begegnet werden kann. Richtig ist auch, dass diese Prozesse, verstanden als Entwicklungsprozesse, grundsätzlich eine neue Governance, sprich Steuerung, benötigen. Falsch wäre es jedoch, lediglich die negativen Aspekte dieser Entwicklungen in den Vordergrund zu stellen, nur weil praxiserprobte Konzepte, die sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen, plötzlich nicht mehr greifen und sich als untauglich erweisen. Schrumpfung kann Chance für eine komplette Neuausrichtung und Neupositionierung von Dörfern sein. Solche Dörfer können z.B. zu Entschleunigungszonen für ruhesuchende Reisende, zu Freizeitparks für Städter, zu Zentren für erneuerbare Energien oder zu Kur- und Gesundheitszentren werden. Sie können Raum für Kreativität, für Kunst und Kultur sein. Sicherlich muss das nicht für alle Dörfer gelten.

Es wäre falsch in offensichtlich nicht überlebensfähige Strukturen schrumpfender Dörfer weiter und weiter zu investieren, wenn sich eine Fortsetzung der Tendenz sowie die Beschleunigung der Abwärtsspirale doch beobachten lassen. Hier sollte ein geordneter Rückbau durch öffentliche Förderung und zugunsten anderer Dörfer mit Perspektiven unterstützt werden. Die dadurch entstehenden „neuen“ Räume können durch Renaturierung und Revitalisierung eine Aufwertung erfahren, nachhaltig genutzt werden und völlig neue Funktionen erfüllen. Treffen öffentliche Akteure solche Entscheidungen, sind diese nicht als „Aufgeben“, sondern vielmehr als resiliente Maßnahmen für eine zukunftsfähige Entwicklung zu verstehen. Doch, solange Schrumpfung als Entwicklungstendenz mit ausschließlich negativen Aspekten und Konnotationen der oben genannten Art in Verbindung gebracht wird, scheinen gesellschaftliche Akzeptanz und frühzeitige Anpassungsmaßnahmen kaum möglich.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Schrumpfungssituation ist eine wesentliche Voraussetzung für die Gestaltung schrumpfender Dörfer und dies erfordert Thematisierung, Kommunikation und eine öffentliche Debatte, die das Umdenken einleitet. Sowohl die Bürger als auch die Unternehmen und Akteure der öffentlichen Verwaltung müssen informiert werden und die Zahlen und Rahmenbedingungen anerkennen, um dann auf Basis gemeinsamer Prinzipien und rationaler Überlegungen den Umbau anzugehen. Es geht dabei nicht um die Schuldfrage, sondern um Bewusstseinsbildung, Wahrnehmung und Verinnerlichung der neuen Situation. Um das zu erreichen, braucht es Diskussionsformate, die zunächst auf Sensibilisierung und auf Bewusstseinsschärfung ausgerichtet sind und anschließend Partizipation und Beteiligung zulassen.

Es braucht Formate, die es ermöglichen die reale Lage einiger Dörfer aufzuzeigen und Kriterien und Indikatoren anzusprechen, die auf Chancen der Stabilisierung und Neupositionierung oder aber auf Schwierigkeiten einer langfristigen Stabilisierung hinweisen. Die Bedingungen der Vergangenheit gibt es heute nicht mehr. Doch wird es Menschen, die nicht in Zentren oder Wachstumspolen leben, immer geben und um dieses Leben morgen und in Zukunft noch zu ermöglichen, gilt es heute Wunsch und Romantik der Dorf- und Kleinstadtidylle durch Wirklichkeit und Realismus zu ersetzen.

Autor: Elisa Innerhofer

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