Reading Time: 3 minutes

via-vigilius

Am Samstag 28.05.2016 wurde der neue Fernwanderweg “Via Vigilius” am Felixer Weiher – oder Tretsee – offiziell eröffnet. Dieser Ort wurde nicht umsonst gewählt, er befindet sich nämlich genau an der Grenze zwischen der Provinz Bozen und der Provinz Trient, wie auch seine doppelte Bezeichnung zeigt und worauf die Bewohner der beiden Dörfer bestehen. Es geschieht nämlich öfters, dass Wanderer den einen oder anderen See suchen, da die Beschilderung auch dementsprechend ausgewiesen wird – je nachdem auf welcher (Provinz-)Seite man sich befindet.

Umso interessanter wird auch die Betrachtung der dritten Etappe des Vigilius Weges: sie startet in Unsere liebe Frau im Walde und endet in Fondo. Dabei stellt nicht nur der Felixer Weiher (oder Tretsee) den Übergang zwischen Südtirol und Trentino dar, sondern diese Provinzgrenze wird bereits mehrmals auf dem Weg zwischen Unsere liebe Frau im Walde und St. Felix überschritten. Sprachliche, symbolische und administrative Grenzen bilden einen interessante Umrahmung für diesen Weg, die über die destinationsspezifische Zielsetzung hinausgeht. Die Feinheiten bezüglich Grenzüberquerungen erkennen Aussenstehende erst durch Gespräche mit den Einheimischen, die genauestens über den Verlauf der Katastral-, Grund- und Provinzgrenzen informiert sind – bis zur Ankunft in Fondo werden die Wanderer wahrscheinlich auch keinen italienischsprachigen Bewohner treffen. Wie bereits Georg Simmel wußte, sind Grenzen raumsoziologisch gesehen für eine Bevölkerung sehr wichtig: sie bestimmen nämlich über das was sich innerhalb oder außerhalb der Grenze befindet – wer und was dazu gehört oder nicht. Insofern werden solche Grenzen auch nur real (wahrgenommen), sobald sie für die Individuen oder Gruppen eine Bedeutung annehmen, die sich in sozialen Handeln oder in Wertvorstellungen äußert.

Der Deutschnonsberg – eine Grenzgeschichte
Der Deutschnonsberg ist, wie es der Name schon sagt, der deutschsprachige Teil des Nonstals (Val di Non auf italienisch) und umfasst drei Gemeinden: Laurein, Proveis und Unsere liebe Frau im Walde – St. Felix. Geographisch betrachtet, würde die physische Grenze des Trentinos eigentlich der Gampenpass sein, der das Etschtal und das Nonstal verbindet. Die deutschsprachigen Gemeinden sind seit 1948 Teil der Autonomen Provinz Bozen und haben in Vergangenheit öfters Verwaltungsgrenzen gewechselt, wobei sie ihre sprachliche Besonderheit beibehalten haben. Bereits in den 1960iger Jahren wurden zwei Anthropologen (Cole&Wolf, 1974) auf die Besonderheit der beiden Dörfer St.Felix und Tret aufmerksam. Sie sind zwar nur 2 km voneinander entfernt (und von einer Provinzgrenze getrennt), repräsentieren aber sehr gut die Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) zwischen Südtirol und Trentino.

Was aber die Besonderheit dieser Gebiete ausmacht, ist weniger diese unsichtbare Grenze, wie sie die Anthropologen zum ersten Mal nannten, sondern vielmehr die Besonderheit dieser Grenzbewohner, für denen diese Grenze zum Alltagsleben gehört. Diese Situation hat durch kontinuierlichen Austausch einen gemeinsamen Akkulturationsprozess hervorgerufen, der die Werte, die Normen und die Lebenseinstellungen dieser Menschen – trotz dem Beibehalt ihrer sprachlichen und kulturellen Unterschiede – prägen. Genau das macht das gute Zusammenleben aus und ist, wie es auch die Landeshauptmänner bei ihren Gesprächen zur Eröffnung der Via Vigilius meinten, ein Beispiel für die gelebte Euregio. Mehrere Beispiele können dafür genannt werden, angefangen von den Kindern aus dem Trentino, die den deutschsprachigen Kindergarten und dann die Schule besuchen bis zu den wirtschaftlichen Austausch: eingekauft wird in Fondo und die Milch der Bauern aus den deutschsprachigen Gemeinden wird in die Sennerei von Fondo oder Castelfondo geliefert. Viele Wiesen und Äcker in Tret und Fondo werden von Bauern aus U.lb.Frau im Walde – St. Felix gepflegt. In der Wallfahrtskirche von Unsere liebe Frau im Walde finden regelmäßig Messen in italienischer Sprache für die Pilger aus dem italienischen Sprachraum statt. Dieser Wallfahrtsort ist zudem eine wichtige Etappe für den „Jakobsweg von Anaunia“.

Die Bewohner dieser Grenzgebiete leben in einer Dialektik zwischen einem „Zusammenleben als Normalität“ und einer „kulturelle Abtrennung“ das eine eigene Identifizierung mit ihrem Lebensraum ausmacht. Wege wie die Via Vigilus oder der Jakobsweg von Anaunia verbinden und überwinden sichtbare und unsichtbare Grenzen, darüber hinaus gibt es viele Merkmale und Feinheiten, die durch eine solche Art von bewussten, spirituell-kulturellen Tourismus und durch das Zusammentreffen mit der lokalen Bevölkerung genauer beobachtet und verstanden werden kann.

Autor: Ingrid Kofler

Links zum Thema

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Fill out this field
Fill out this field
Please enter a valid email address.

Menu