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Balkan-Destination-Tourismus

Im Rahmen einer Exkursion im westlichen Balkan im März 2016 waren wir in Albanien, Kosovo, Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegovina unterwegs. Was für spannende Länder, Regionen, Landschaften, was für interessante Menschen und Völker!

Am Ende einer solchen Reise begreift man in Ansätzen bzw. kann in etwa erahnen, wie schwierig Zusammenleben sein kann, wie schön und wichtig Identitäten sind, um Regionen zu definieren, aber vor allem, wie sehr solche sozialen Prozesse und Konstrukte Höhen und Tiefen unterliegen, die immer wieder neu kalibriert werden müssen. Dazu gibt es Grenzen, sichtbare und unsichtbare, gewollte und nicht gewollte, vernachlässigte und wichtige, akzeptierte und nicht akzeptierte, offizielle und inoffizielle… Der Balkan ist eine Region, in der sich die Bedeutung von politisch-administrativen Grenzen schnell relativieren kann, in der Identitätsregionen auch über politisch-administrative Grenzen hinweg eine hohe Bedeutung haben können (Albanien und Kosovo oder Serbien und Kosovo), und in der auch innerhalb von politisch-administrativen Grenzen Grauzonen politisch-administrativer Abgrenzung möglich sind.

Der Norden Kosovos ist zwar de facto unter serbischer Kontrolle, trotzdem gibt es eine offizielle kosovarische Polizei, die aber dort ausschließlich mit Serben besetzt ist. Der nördliche Teil der kosovarischen Stadt Mitrovica ist de facto von Serben kontrolliert, Kosovaren der albanischen Volksgruppe sind dort unerwünscht – ein Zwischenraum, in welchem nicht mal Steuern erhoben werden und die Autos entweder mit serbischen Kennzeichen oder ohne Kennzeichen unterwegs sind… Kurzum: „Das Paradoxe an Grenzen ist, dass sie die Bewegungsfreiheit einschränken, zugleich aber eine Welt der Wahlmöglichkeit und der Chancen suggerieren“ (Bonnett, 2016, S. 205). Flexible Grenzen sind eigentlich eine Art Wunschvorstellung vieler Destinationsmanager, weil sie häufig von den politisch-administrativen Grenzen und Rahmenbedingungen eingeschränkt werden (z.B. politische Vorgaben, Zuständigkeiten für Tourismussteuern und staatliche Finanzierungen, Zuständigkeiten von Verbänden und Leistungsträgern) und daher jede „Grenzüberschreitung“ zu einem Akt besonderer Schwierigkeit wird – selbst dann, wenn der (potentielle) Gast diese Grenzen nicht erkennt und auch nicht weiß, warum er diese erkennen sollte. Ginge es nach dem Gast, könnte man Grenzen von Zielgebieten häufig ganz anders ziehen.

Zurück zum Balkan: Grenzen bestimmen sich dort auch über kulturelle und soziale Praktiken, Spiritualitätsräume sind zumeist die bestimmenden Räume für die Grenzen, zumeist unsichtbar für den Besucher, aber bedeutsam für die Menschen, die dort leben. Religiöse Zugehörigkeit schafft Identität, kann aber auch lebensbedrohlich sein: Die kroatische, und damit katholische Bevölkerung in Bosnien-Herzegovina beispielsweise kann in den serbisch dominierten und damit orthodoxen Gebieten zwar weiterhin wohnen bzw. das Immobilieneigentum behalten, allerdings gibt es dort keine Jobs für bestimmte Gruppen – und damit ergibt sich eine unsichtbare Grenze des Lebensraums. Destinationen sind Attraktionsräume, die häufig mit Lebensräumen korrelieren. Wir wissen, dass funktionierende Lebensräume zugleich eine gute Grundlage für die Regional- und Destinationsentwicklung darstellen. Wenn Grenzen für kulturelle und politische Entscheidungen von Menschen stehen, dann können sie sogar Teil des Destinationsproduktes werden. Das Erkennen der sichtbaren und unsichtbaren Grenzen kann im Balkan dem Besucher zumindest in Ansätzen Räume, Orte und Menschen näher bringen. Und damit werden gewöhnliche Orte zu außergewöhnlichen Orten.

Besonders im Balkan hat man sonderbarerweise das Gefühl der (grenzenlosen) Freiheit, die auch für die Destinationsentwicklung ihren Reiz hat, weil es zum einen „Niemandsländer“ gibt, die sich dem Zugriff von Nationalstaaten entziehen, zum anderen die Vielzahl der verschiedenen Ebenen von Grenzen (politische, spirituelle, touristische…) zugleich deren Brüchigkeit offenbart. Der Balkan vermittelt eine Idee davon, was es heißt, die Heimat zu verlieren, oder eine neue Heimat zu gewinnen. Flucht und Migration und insgesamt die Mobilität stehen im krassen Kontrast zu Heimat im lokalen Kontext, wo zwischen einzelnen benachbarten Dörfern bereits unsichtbare kulturelle und damit auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Grenzen verlaufen können.

Jedes Dorf verkörpert symbolhaft den Balkan, insofern ist der interessierte Gast gut beraten, wenn er die Grenzen als Leitgedanken seiner Reise im Spannungsfeld transnationaler und lokaler Besonderheiten versteht – dies ist ein geeigneter Zugang, um den Balkan zu verstehen. Apropos transnational: den Balkan gibt es nicht nur im Balkan, sondern auch in Form transnationaler Gesellschaften zumeist dort, wo die Gäste herkommen. Fehlende Jobs sind ein Hauptargument, warum viele Albaner, Kosovaren, Mazedonier, Serben oder Bosnier ihr Land in Richtung EU verlassen – auf der Suche nach einem neuen Lebensraum, was zur Folge hat, dass demographische Entwicklungen und Mobilität dem Balkan arg zusetzen, oder anders ausgedrückt neue Identitäten schaffen. Damit verändert sich die Destination, die damit nicht nur im Balkan besteht, sondern als „transnational destination“ dort, wohin die Menschen migrieren und ihre „new minorities“ etablieren.

Autor: Harald Pechlaner

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