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cc-BY-0: Unsplash

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Tourismus ist gleichbedeutend mit Mobilität, denn ohne Bewegungen hin zur Destination und vor Ort kann Tourismus nicht entstehen. Tourismus heißt Mobilität, denn auf der Suche nach Erlebnissen entstehen zeit-räumliche Bewegungen, die auch durch das Wort „Tour“ in „Tourismus“ ausgedrückt werden. Nichtsdestotrotz wird Mobilität oft nur als Mittel wahrgenommen, um Ziele zu erreichen.

Der Destination als Ziel wird ein höherer Stellenwert eingeräumt als der Reise selbst. Die schnelle Erreichbarkeit eines Ziels ist für viele Urlauber ein wesentlicher Punkt bei der Entscheidung für eine Destination. Laut ASTAT-Daten (2007/2008) erreichen 89% der Touristen, die aus umliegenden Gebieten anreisen, die Ferienregion Südtirol mit dem eigenen Fahrzeug. Damit dürften geschätzte 14 Millionen PKWs jährlich durch Südtirol fahren. In der Tat kommen nur knapp 5% der Gäste mit einer saubereren Alternative an: den öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit dem Auto selbst mobil zu sein bedeutet eine schnelle Anreise, also mehr Zeit für den Urlaub, Bewegungsfreiheit vor Ort, mehr Platz für das Gepäck, aber gleichzeitig auch Verkehrsstau und Umweltbelastungen. Eine Destination mit den öffentlichen Mobilitätsangeboten  zu erreichen bedeutet Entschleunigung, C02-Reduktion, Vermeidung von Staus und Unfallrisiken, aber eben auch eine starke Abhängigkeit vom Mobilitätsangebot vor Ort. Bereits die Anreise als Urlaubserfahrung erleben und nicht ausschließlich das Ziel erreichen mag insofern auch ein zentraler Grundgedanken hinter der Nutzung und Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln sein.

Hat ein Gast die Destination erreicht, möchte er aber weiterhin mobil sein. Besonders in den ländlich geprägten Destinationen des Alpenraums, wo das touristische Angebot oft fragmentiert ist, sind Bewegungen vor Ort zentraler Bestandteil des Aufenthaltes. Hier zeigt sich ein etwas positiveres Bild zugunsten der öffentlichen Verkehrsmittel (ÖPNV). Im Urlaub angekommen, nimmt das Reiseerlebnis nun eine wesentlich wichtigere Rolle ein. Ziele innerhalb der Feriendestination dürfen auch langsamer und gemütlicher erreicht werden. Laut ASTAT (Tourismusjahr 2007/2008) nutzen ungefähr 21% der Gäste öffentliche Verkehrsmittel während ihres Südtirol-Urlaubs. Eine Studie des EURAC-Instituts für Regionalentwicklung und Standortmanagement über die Zufriedenheit von Gästen mit dem Bahn- und Busverkehr, zeigt, dass die Gäste von diesem Service sehr begeistert sind (93% der befragten Gäste in den Zügen und 88% der Busbenutzer sind mit dem öffentlichen Verkehrsangebot zufrieden oder sehr zufrieden). Die wesentlichen Gründe hierfür liegen in der starken Vernetzung des Verkehrsangebots in Südtirol, das einher geht mit einem integrierten Tarifsystem, zielgruppenspezifischen touristischen Mobilitätsangeboten (Mobil-Cards) und einem einfachen Taktsystem. Die Gestaltung der Züge und Busse mit Elementen der Dachmarke Südtirol verstärken die Wahrnehmung bei den Gästen, ein qualitativ hochwertiges Angebot zu nutzen. Die EURAC-Studie hat außerdem aufgezeigt, dass sich Gäste bereits vor der Abreise über das Mobilitätsangebot informieren und vor Ort dann auch die für sie bereitgestellten Angebote – wie die Mobil-Cards – nutzen.

Nun stellt sich in Anbetracht einer derartigen Wahrnehmung der Servicequalität nichtsdestotrotz die Frage, warum immer noch mehr als die Hälfte der Gäste während des Urlaubes mit dem eigenen Auto unterwegs ist? Wo befinden sich die bisher unentdeckten Lücken im Service-Angebot und Barrieren, die eine intensivere Nutzung des ÖPNVs durch Touristen verhindern? Wie kann das Credo von „schnell und schmutzig“ zu Gunsten von „langsam und sauber“ verschoben werden?

Die Vision

Verschiedene Faktoren sprechen dafür, dass nachhaltige Mobilität immer mehr zu einem globalen Muss wird. Das traditionelle Modell des motorisierten Individualverkehrs wird durch die immer knappere Verfügbarkeit von Treibstoffen und eine zunehmende Luft- und Lärmverschmutzung in Frage gestellt. Darüber hinaus verzichten vor allem jüngere Generationen heute schon vielfach auf ein eigenes Fahrzeug und Carsharing-Modelle gewinnen an Bedeutung. Auch der demografische Wandel ist ein Faktor für die abnehmende Bedeutung von privaten Verkehrsmitteln, denn mit zunehmendem Alter sinkt die Bereitschaft, sich den Wirren des Straßenverkehrs auszusetzen. Viele Faktoren zeigen auf, dass die Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln grundsätzlich steigt. Eine autofreie Region mag eine ebenso unzeitgemäße und radikale Vision sein, wie das Festhalten am PKW als beliebtestes Verkehrsmittel auf dem Weg zum Urlaub und im Urlaub. Eine bessere Balance zwischen privaten und öffentlichen Verkehrsmitteln, die durch angemessene Maßnahmen verwirklicht werden kann, scheint insofern eine geeignete Vision und ein gangbarer Weg für die Destination Südtirol zu sein.

Die Herausforderung

Auf lokaler Ebene hat Südtirol die Chance, auf das bestehende Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln aufzubauen, um weitere innovative und kombinierte Tourismusangebote zu schaffen. Dabei muss jedoch der Sprung vom reinen Mobilitäts-Service hin zum Angebot von einzigartigen Erlebnissen geschafft werden. Die Suche nach Erlebnissen beim Reisen ist heutzutage vor allem im Hinblick auf die Fortbewegung multimodal: egal ob Zug, Bus, Fahrrad, Seilbahn, Auto oder Motorrad – der Genuss der alpinen Landschaft sollte „on the move“ erfolgen.

Gepäcklose Anreise mit dem Zug sowie einfache Buchungsmöglichkeiten der Fahrkarten von Zuhause aus sind zwei der Kernpunkte im Hinblick auf alternative Mobilitätslösungen im Tourismus. Eine flexible Vernetzung der Beherbergungsbetriebe mit den Angeboten des ÖPNVs, aber auch Car-Sharing, sind wünschenswerte Ansätze, um die „last mile“, beispielsweise vom Bahnhof zur Unterkunft, zu sichern. Preisgünstige und lokale Mobilitätsangebote, die mit dem Anreiseticket und den Attraktionspunkten vor Ort verknüpft sind, können zur verstärkten Akzeptanz von öffentlichen Verkehrsmitteln beitragen. Nicht zuletzt kann auch die Anwendung neuer Technologien – bspw. Apps oder Google-Glasses – zur touristische Inwertsetzung der Reise selbst beitragen.

Das Zusammenspiel zwischen Tourismus- und Mobilitätsakteuren muss intensiviert und weiterentwickelt werden, damit diese Vision des Reiseerlebnisses verwirklicht werden kann. Dabei ist auch eine attraktivere Gestaltung der Schnittstelle zwischen öffentlicher Mobilität und touristischen Attraktionen notwendig.

Öffentliche Mobilität wird immer stärker Teil des Südtiroler Lebensstils und sollte deshalb auch Teil des Qualitätsangebots für Gäste sein. Die speziellen Bedürfnisse der Gäste dürfen dabei aber nicht außer Acht gelassen werden: die Verfügbarkeit von Informationen während der Fahrt, Sprachprblematiken und saisonal unterschiedliche Anforderungen spielen hier eine wichtige Rolle. Eine Pionierorganisation für touristische Mobilität in Südtirol ist das Mobilitätskonsortium Pustertal, das eine erfolgreiche Anpassung des Angebots an die Bedürfnisse der Touristen verfolgt.

Die größte Herausforderung besteht darin, bei den Tourismusakteuren bzw. den Gastgebern und Tourismusorganisationen, bei den Gästen und bei den Verkehrsträgern Verständnis für eine neue Mobilitätskultur im Sinne einer nachhaltigen Verbesserung des bestehenden Angebots und einer Intensivierung des Erlebniswerts zu schaffen

Autor: Anna Scuttari

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