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Zentrales Wesensmerkmal des Tourismus ist das Verhältnis von Gast und Gastgeber. Je nach Entwicklungsgrad von Destinationen und der damit einhergehenden Tourismusintensität ergeben sich unterschiedliche Blickwinkel auf dieses Verhältnis.

Da ist die Rede von Gastlichkeit, Gastfreundschaft oder Qualität. Dabei wird Gastlichkeit vielfach als jene Qualität an Dienstleitung bezeichnet, für welche ein Gast im Sinne einer Wechselseitigkeit zu zahlen bereit ist. Wertschätzung und (authentisches) Willkommen-sein gehen darüber hinaus, haben nicht notwendigerweise eine zu bezahlende Dienstleistung im Blick, wiewohl auch eine professionelle Tourismusleistung einerseits Dienstleistungsqualität, aber dann auch eine sehr menschliche Komponente der wertschätzenden Begegnung und Bereicherung von Gast und Gastgeber erfordern. Gastfreundschaft berührt die persönliche Interaktion von Menschen; sie ist geprägt von personalen Ansprüchen wie Respekt, Verantwortung oder Glaubwürdigkeit.

Willkommenskultur signalisiert Interesse und Wohlwollen am Gast, welches ökonomisch motiviert sein kann, jedoch der Begegnung über das Gewerbliche hinaus das Menschliche nicht abspricht. Es sind im besonderen ausgewählte Wirtschaftssektoren, die aufgrund des Fachkräftemangels zum Einen nach Arbeitsmigranten suchen, um diesem Mangel entgegenzutreten, aber zusehens auch die Flüchtlinge ansprechen und auf mittel- bis langfristige Beziehungen hoffen, um die Wirtschaftssysteme durch attraktive Arbeitsmärkte wettbewerbsfähig zu halten. Eine Veranstaltung der Europäischen Metropolregion München vor kurzem fand unter dem Motto „Schätze heben: Integration junger Flüchtlinge in die duale Berufsausbildung“statt.

Ist Gastfreundschaft eine kulturelle Formel, die sich auf den zahlenden Gast auf der Grundlage der Wechselseitigkeit bezieht, wo der Gast eine bestimmte Dienstleistung und Freundlichkeit erwarten darf, dafür aber auch einen Preis an den Gastgeber zu entrichten bereit ist? Reicht es aus, Migration vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten der Produktivität zu sehen? Gastfreundschaft entsteht aus unterschiedlichen Gründen und Motivlagen von Menschen. Es gibt jene, die der Gastfreundschaft bedürfen und jene, für die Gastfreundschaft jenes Maß an Authentizität bedeutet, welches eine touristische Dienstleistung zu einem Erlebnis werden lässt. Migration geht mit räumlicher und sozialer Mobilität einher, sie unterscheidet jedoch zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration, selbst wenn diese Unterscheidung eine fließende ist. Die einen dürfen wandern, die anderen müssen wandern. Beide begeben sich auf „Herbergssuche“, und die Gestaltung und Organisation dieser Herbergssuche mag eine unterschiedliche sein, aber was bleibt, ist das Wesen der Gastfreundschaft: Unbedingte Gastfreundschaft erkennt das Fremde im Fremden an, ohne Anspruch, ihn zu entfremden. Kann es sein, dass genau deshalb eine Gastfreundschaft auch Grenzen hat? Gastfreundschaft bedeutet Schutz gewähren, bedeutet, sich um das Wohlwollen des Gastes zu kümmern, bedeutet, ihn notfalls zu verteidigen, bedeutet aber auch, ein gegenseitiges Verständnis der Grenzen dieser Gastfreundschaft zu haben oder zu entwickeln.

Damit ergeben sich folgende Fragen: Was ist überhaupt Gastfreundschaft?

Flüchtlinge und Tourismus

Flüchtlinge und Tourismus

 

Ist die Grundlage namens Gastfreundschaft für die gewerbliche Dienstleistung sowie für die Aufnahme von Flüchtlingen dieselbe? Ermöglichen die Art der Diskussion zu Migration und Flucht in einem Land oder einer Region und die damit zusammenhängenden Handlungsmuster Rückschlüsse zur (touristischen) Gastfreundschaft im betreffenden Land? Oder anders ausgedrückt: Kann sich ein Land, das sich gegenüber Asylsuchenden restriktiv oder gar abweisend verhält, als gastfreundschaftlich gegenüber Touristen bezeichnen?

Eine besondere Zuspitzung erhält die Frage vor dem Hintergrund der Flüchtlingstragödien im Mittelmeer. Was hat Lampedusa mit einem glaubwürdigen Tourismusangebot zu tun? Gastfreundschaft ist eine kulturelle Praxis, welche es dem Individuum und einer Gesellschaft ermöglicht, Fremde als Bereicherung für ein gelingendes Leben zu verstehen. Sie wird damit zur Voraussetzung für den richtigen und guten Umgang mit Flüchtlingen und Migranten genauso wie mit Gästen. Notwendig ist ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge von Flucht, Migration und Tourismus, um kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Nachhaltigkeit zu begründen.

Autor: Harald Pechlaner

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