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Bolzano-Bozen. Photo: Streifeneder, 2017

Bolzano-Bozen. Photo: Streifeneder, 2017

Gegensätzliche Interessen und Perspektiven machen die Beziehungen zwischen den Akteuren von Alpenstadt und Land konfliktträchtig. Die Landbevölkerung drängt in die ehrgeizigen Low-Carbon-Städte, die wachsen und mit planerischen und architektonischen Herausforderungen zu kämpfen haben. Derweil schlagen auf dem bevölkerungsmäßig schrumpfenden Land die Infrastrukturen der Energiewende und die Expansion der urbanen Flächen Wunden in die Kulturlandschaft. Über- oder unterirdische Stromtraßen sowie Windkraftanlagen zur Stillung des urbanen Energiehungers entzweien ganze Regionen. Die Frage stellt sich, wie attraktiv Freizeit oder Urlaub zwischen Gewächshäusern, Tierfabriken und Windplantagen sein kann. Welche nachhaltigen Beziehungen und erfolgreichen Kooperationen zwischen den Bewohnern der zukünftigen Smart Cities und den Energielandwirten sind also denkbar beziehungsweise zeichnen sich ab? Werden städtische E-Biker auf zweispurigen Fahrradwegen in die periurbanen Räume rasen und am Feierabend gemeinsam mit Bauern mit Methoden des Precision Farmings Obst- und Gemüseanbau betreiben? Wird der Landwirt mit dem E-Traktor am Morgen von seinem mit Photovoltaik- und Biomasseanlagen ausgerüsteten, energieautarken Hof starten und durch die von Windrädern verspargelten Landschaften der Energiewende fahren? Womöglich ist er auf dem Weg, die Ernte seiner vertikal bewirtschafteten Felder auf Stadtgebiet einzuholen. Danach füllt er fristgerecht die Kühlschränke seiner veganen Direktabnehmer mit biologisch-dynamischem Obst und Gemüse. Am Abend bewirtet er die bei ihm zu einem Glas Biowein einkehrenden E-Mountainbiker. In der Dämmerung schließlich pirschen die städtischen Gäste auf beheizte Aussichtsplattformen, um Wolf und Bär zu beobachten oder gar das eigene Wild zu erlegen.

Funktionale Beziehungen langfristig regeln

Die heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen rütteln an den Grundfesten der Gewohnheiten aller Akteure. Mögliche Auswege werden emotional diskutiert, sind komplex und enden immer öfter vor Gericht. Wie können integrative und ganzheitliche Strategien der Regionalentwicklung aussehen? Vor dem Hintergrund der technologischen Veränderungen und des Klimawandels ist für eine smarte und resiliente Stadt mehr notwendig, als nur widerstandsfähig zu sein gegenüber Naturkatastrophen. Neue Untersuchungen zeigen, dass es möglichst diversifizierte Geschäftsfelder braucht, fest in die jeweilige Gemeinschaft integrierte Bewohner und eine ganzheitliche räumliche Sichtweise. Resiliente Städte sind über ihre administrativen Grenzen hinaus integriert in Stadtregionen, in ein ausgedehntes Umland, inklusive der peripheren ländlichen Räume. Zukunftsfähige Strategien berücksichtigen also die sozialen und ökologischen Wechselbeziehungen zwischen urbanen und ruralen Gebieten. Sie beziehen die für die städtische Bevölkerung relevanten und von ihr genutzten Ökosystemleistungen im ländlichen Raum mit ein. Diese funktionalen Beziehungen lassen sich auch auf die am Alpenrand liegenden Städte und die alpinen Regionen übertragen. Die Lebensqualität der Städterinnen und Städter hängt stark von den Ressourcen der umliegenden alpinen und ländlichen Gebiete ab. München und Wien zum Beispiel beziehen ihr Trinkwasser ausschließlich aus den Alpen. Der Konflikt zwischen Garmisch-Partenkirchen und München zum Thema Wasserversorgung zeigt, wie wichtig es ist, diese Beziehungen zu pflegen und langfristig zu regeln.

Territorial kooperieren zum Nutzen aller

Oder wird es in den peripheren, abwanderungsgefährdeten Gebieten doch so kommen, wie in dem von Houellebecq beschriebenen Dorf in der französischen Provinz, «zu Beginn der Zwanzigerjahre des dritten Jahrtausends»? Ein ehemals verlassener und ungepflegter Marktfleck entpuppt sich bei der Rückkehr des Protagonisten als herausgeputzt und vollkommen verändert. Es gibt zahlreiche Geschäfte, die regionale Produkte und Handwerk anbieten, sowie verschiedene Internetcafés. Doch dafür ist keine unternehmerisch denkende lokale Bevölkerung verantwortlich. Sie ist nämlich verschwunden beziehungsweise abgelöst worden von «Neuankömmlingen aus der Stadt mit ausgeprägtem Unternehmungsgeist». Diese kennen die Marktgesetze und vermarkten erfolgreich ihre ökologischen Überzeugungen. Bei Houellebecq werden die Städter zu Kolonialisten und Protagonisten des peripheren ländlichen Raums.

Es sollte uns in den Alpen gelingen, den Spieß umzudrehen. Die Alpenstädte und ihr Umland sind geografisch eng verbunden. Diese Nähe bietet das Potenzial, Modelle für innovative territoriale Kooperationen zu entwickeln. Die solidarische und soziale Landwirtschaft, der Agrotourismus sowie die Direktvermarktung der bäuerlichen Erzeugnisse in Detailhandel, Gastronomie und Tourismusbetrieben helfen, direkte und kurze Wertschöpfungsketten auszubauen und zu stärken. Dann bleibt Houellebecqs Szenario eines städtisch okkupierten ländlichen Raums tatsächlich nur ein Szenario.

Autor: Thomas Streifeneder

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