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Das Solidarische Netzwerk des Salewa Gartens

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STOL.IT

„Unternehmer sind dazu da etwas zu unternehmen“, so das Statement von Heiner Oberrauch, Präsident der Salewa/Oberalp-Gruppe bei der Pressekonferenz am Donnerstag. Wortwörtlich hat der Unternehmer zusammen mit seiner Executive Assistant, Stephanie Völser, ein innovatives Projekt, den Salewa Garten, zur Integration von Flüchtlingen initiiert. Die Idee entstand nach dem Scheitern eine sinnvolle Beschäftigung für Flüchtlinge in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Verwaltung und sozialen Einrichtungen zu schaffen. Aufgrund rechtlicher und bürokratischer Grenzen entschied der Salewa-Präsident, der bereits selbst Flüchtlinge bei sich zuhause aufgenommen hat, die 3.000 qm² große landwirtschaftliche Fläche sinnvoll zu nutzen. Anfangs standen dort nur einige Reihen Apfelbäume. Seit März 2017 bearbeiten 15 Flüchtlinge zusammen mit fünf freiwilligen Helfer*innen und Caroline Hohenbühel, die bereits in mehreren Flüchtlingsprojekten mitgearbeitet hat, über 30 verschiedene Arten von Gemüse über Kräuter bis einzelnen Obstsorten.

Die landwirtschaftlichen Produkte wurden von der Gärtnerei Biason zur Verfügung gestellt und werden unter der professionellen und freiwilligen Anleitung von Josef Zemmer, Gärtner bei Biason, nach biologischer Anbauweise bewirtschaftet. Weitere sechs Partner, die Sozialgenossenschaft Officine Vispa, Niederstätter SPA, das Restaurant Bad Schörgau im Sarental, die Landwirtschaftliche Hautgenossenschaft Bozen, Gardencenter Biason, Bio Energia Trentino sowie das Bistro Salewa Bivac sind Teil des neuen Netzwerkes der Solidarität. Sie tragen je nach Kompetenzen, ob durch die rechtlich-bürokratische Unterstützung, Spender von landwirtschaftlichen Geräten, Pflanzen und organischen Dünger, einen Container für die Geräte oder fachliche Beratung, alle zum Erfolg des zivilgesellschaftlich gesteuerten Projektes bei.

Finanziell wird das Projekt einerseits persönlich von dem Salewa Präsidenten unterstützt und andererseits durch die Mitarbeiter der Salewa Oberalp Gruppe, die im vergangenen Jahr über 7.000 Euro für das Projekt, als Startkapital, bei der jährlichen Benefiz-Weihnachtslotterie, gesammelt haben.

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden primär von dem Restaurant Bad Schörgau sowie dem Salewa Bistro Bivac abgenommen. Ab Juli, jeden Donnerstag von 18.00 – 19.00 Uhr, können auch andere Interessierte, die nachhaltig und sozial bewirtschafteten Produkte, gegen eine freiwillige Spende erwerben. Das Spendengeld wird schließlich unter den mitarbeitenden Flüchtlingen als Anerkennung aufgeteilt.

Die Möglichkeit der „sozialen Landwirtschaft“ als innovative Integrationsform 

Dieses Projekt zeigt die Solidarität der Zivilgesellschaft und den Effekt, den engagierte Einzelpersonen auslösen können. Durch das Zusammenwirken eines gesamten Netzwerkes an Unterstützern kann den „neuen“ Mitbürgern eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit gewährleistet werden. Ein tage-, wochen- oder monateweises Ausharren nur in den Flüchtlingsunterkünften bei tatenlosem Nichtstun lässt sich damit vermieden. Zudem ist diese Initiative eine neue, innovative Form der Integration von Flüchtlingen, die auch in die Richtung der „soziale Landwirtschaft“ geht. Hierbei werden verschiedene Dienstleistungen, Kinderbetreuung, Seniorenbetreuung, tiergestützte Interventionen bis hin zur sozialen- und beruflichen Integration für unterschiedliche Zielgruppen, direkt von landwirtschaftlichen Betrieben, über Sozialgenossenschaften des Typ B oder im Falle von Salewa – über private Eigentümer von Gärten angeboten. In Italien gibt es bereits einzelne innovative Beispiele der sozialen Landwirtschaft, die sich für die Integration von Flüchtlingen stark gemacht haben. Die Sozialgenossenschaft Maramao (Canelli) oder Barikamà (Rom) sind Vorzeigebeispiele von Integrationsprojekten der sozialen Landwirtschaft, da die Genossenschaften mittlerweile von den Flüchtlingen selbst koordiniert bzw. geführt werden.

Der Mehrwert dieser Integrationsformen

Die genannten Initiativen produzieren nicht nur biologisch, nachhaltige Produkte, sondern auch soziale Integration. Die neuen Mitbürger treten hauptsächlich durch den Direktverkauf mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt und können zugleich bestehenden Vorurteilen entgegenwirken. Projekte wie der Salewa Garten bilden einen multidimensionalen Mehrwert für die Gesellschaft. Sie fördern den kulturellen Austausch zwischen der lokalen Bevölkerung und den Flüchtlingen, bilden einen Mehrwert für den Integrationsprozess der Flüchtlinge und verhindern ein Abdriften der Flüchtlinge in die Depression und die „Illegalität“. Durch die aktive Tätigkeit in der Landwirtschaft wird ihre Motivation und Würde gestärkt. Sie erlernen dadurch informell und in persönlicher Weise die lokale(n) Sprache(n). Dies ist gerade in Südtirol eine Herausforderung angesichts der Präsenz der beiden Landessprachen Deutsch und Italienisch. Und als wichtigsten Punkt, bietet ein solches Projekt den Flüchtlingen eine praktische Tätigkeit, die zugleich ein Türöffner für die „normale“ Arbeitswelt aber auch den Erhalt des Aufenthaltsrechts sein kann. Gerade hier stellt sich die Frage: „Warum wir Leute von Osteuropa anheuern, wenn genügend Arbeitskräfte im Land vorhanden sind?“ Natürlich vorausgesetzt, dass sie rechtlich auch arbeiten dürfen. Auch für jene ländlichen Gebiete, die von Abwanderung bedroht sind, können solche Initiativen neue Vielfalt und neue Perspektiven erwecken. Und „last but not least“ kann die landwirtschaftliche Arbeit, ob mit Pflanzen oder Tieren, eine Art Therapie für die Flüchtlinge sein. Die sinnstiftende Arbeit, eine lokale Bezugsperson sowie eine intakte Natur und eine sozial sichere Umgebung schafft eine Atmosphäre, in der sich die vergangenen Erlebnisse und Traumatisierungen leichter bewältigen und verarbeiten lassen.

Sicherlich, sind solche Projekte nicht für jede*n der in Südtirol ankommt geeignet. Private Initiativen wie der Salewa Garten alleine können das Flüchtlingsproblem nicht lösen. Jedoch erzeugen sie durch die entgegengebrachte Solidarität Multiplikatoreffekte nach außen, indem sie eine individuelle Möglichkeit für soziale Inklusion von „neuen“ Mitbürgern bieten, die im Kleinen beginnt und zu etwas Großem wachsen kann.

Autorin: Clare Giuliani

 

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