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CC-BY-0: Unsplash

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Eine schnelle Google Recherche zeigt auf, dass Innovation ein sehr breiter Begriff ist und mit über 400.000 Suchergebnissen im Vergleich zu ‘Kultur’ (247.000 Ergebnissen) oder ‘Kunst’ (284.000) ein diffuses Thema ist. Versuchen wir uns dem Konzept Innovation daher emphatisch zu nähern. Was zeichnet Menschen aus, die innovativ sind oder sein möchten?

Unsicherheit
Die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen ist für innovatives Denken und Handeln unerlässlich. Innovation ist nicht der sichere Hafen, sondern das offene Meer.

Ende der Entfernung
In klar abgegrenzten Räumen agieren Konservative und Traditionalisten. Die Welt ist ein Dorf, Distanzen sind überwindbar, Virtualität kennt keinen Raum. Innovation ist die Fähigkeit, Distanzen zu überbrücken.

Lust am Produkt
Produkte haben keinen Selbstzweck und eine von Innovation getriebene Wirtschaftskultur orientiert sich an der Problemlösung. Das Produkt steht im Vordergrund. Die Zeiten persuasiver Werbebotschaften, um Konsumenten zu lenken, werden keine innovativen Geister wecken.

Freiräume schaffen
Innovation und Kreativität entstehen nicht aufgrund der Vielzahl an Möglichkeiten, sondern durch den gekonnten Umgang mit dem Mangel. Dazu bedarf es Freiraum, sei es räumlich, zeitlich wie finanziell.

Müßiggang zulassen
Nichts tun im Sinne von kreativer Ordnung möglicherweise auch nur belangloser Gedankengänge ist Müßiggang. Und Voraussetzung, um kreative Potenziale freizusetzen.

Wissen, dass alles ein Ende hat.
Wer frühzeitig handelt, denn nichts ist für die Ewigkeit, kann aus einer straken Position heraus handeln. Innovativ sein erfordert schlussendlich Stärke, denn auf dem Boden liegend wird es schwierig Lösungen zu finden.

Innovation ist zunächst eine Geisteshaltung, die Kreativität voraussetzt. Im Gegensatz zur künstlerischen Kreativität, die per se keinen Endzweck hat, hat Innovation einen klaren Auftrag. Einen Auftrag, der in wirtschaftliche Fakten gründet – sprich Wohlstand. Das Thema Innovation beschäftigt alle wirtschaftlichen Akteure. Kein Unternehmen, keine Region und keine Nation kann sich der Innovation verweigern. Keine Branche kann sich vor Innovation schützen. iTunes & Co. haben die Musikläden verdrängt und die Musikindustrie radikal verändert, Car-Sharing macht aus dem einstigen Statussymbol Auto einen Mobilitätsdienst auf Abruf, die Ryanairs dieser Welt haben das Fliegen verändert und die Hotelbranche wird irritiert, da ein Unternehmen aus San Francisco mit einem nach Turnschuhen klingenden Namen die Branche aufrüttelt. ‘Airbnb’ bereitet der Hotellerie Kopfschmerzen.

All diesen Innovationen ist eines gemein. Die Innovation orientiert sich am Kundennutzen, das dahinter liegende Business Modell ändert sich und den Nährboden für die Innovation bildet jeweils ein spezifisches, territoriales Umfeld.

Südirol ist nicht das Silicon Valley mit all seinen globalen Internetkonzernen und Elite-Universitäten. Südtirol ist landschaftlich mindestens genauso charmant wie Irland, hat aber nicht dessen unternehmensfreundliche Steuerpolitik, die dafür sorgt, dass US-Unternehmen in Irland bis 2009 mehr investiert haben als in Russland, China und Brasilien zusammen. Und auch wenn Bayern uns Südtirolern sehr nahe liegt, der Biotech Standort Martinsried ist nur in der Nähe zu München möglich, wo 350 KMUs aus der Life-Science Branche in Zusammenspiel mit den Universitäten, Forschungseinrichtungen und Fachhochschulen einen Vorzeige-Cluster bilden. Und auch wenn Südtirol als Grenzregion immer darauf angewiesen war im Austausch mit verschiedenen Kulturen zu leben und die Mehrsprachigkeit eine Südtiroler Besonderheit ist, im kulturellen Schmelztiegel New York werden über 800 Sprachen gesprochen.

Was ist Südtirol?
Südtirol ist eine Region, die Exzellenz zu bieten hat. Eine Region, die mit 500.000 Einwohnern auf einer besiedelbaren Fläche von knapp 7% von insgesamt 7.400 qKm in der Lage ist knapp 30 Mio. mal Gästen eine angenehme Bettruhe zu bieten, kann etwas. Das ist eine Spitzenleistung. Auch die Landwirtschaft in Südtirol zählt zu den stärksten im gesamten Alpenraum. Die Aufgaberate bei Höfen und die Aufgabe von landwirtschaftlich genutzten Flächen zählen zu den niedrigsten in den Alpen. Die Gemeinde Kaltern hat über 500 landwirtschaftliche Betriebe bei knapp 8.000 Einwohnern. Das sind Fakten, die heute für eine vitale Landwirtschaft in Südtirol sprechen.

Südtirol ist aber auch gelebte Tradition und Spitzenleistung im Handwerk und die Südtiroler waren auch immer in der Lage dieses Können über die Grenzen hinaus in Wert zu setzen. Vom Tischlerbetrieb zum internationalen Fensterbauer, vom Schmied zur hochspezialisierten Beleuchtungsmanufaktur, vom Tüftler zum Marktführer. Auch die merkantile Tradition ist ein starkes Merkmal der lokalen Wirtschaft. Die Brückenfunktion zwischen Nord und Süd war schon immer Quelle für ein erfolgreiches Unternehmertum.

Ein tragfähiges, regionales Innovationssystem Südtirol sollte daher nicht von außen erzwungen werden; kein Kopieren der Silicon Valleys dieser Welt, denn Innovation kann nicht verordnet oder geplant werden; vielmehr gilt es die Orientierung von innen nach außen zu wagen und sich an dem historisch gewachsenen ‚Südtirol-Gen‘ zu orientieren:

  • Umgang mit mediterran-alpinen Naturräumen
  • Kreativität
  • Gastfreundschaft
  • Pioniergeist
  • Bergkompetenz

Das Innovationssystem Südtirol hat in den vergangenen Jahren branchenbezogene, thematische Klammern gesetzt und verschiedene Akteure haben sich vernetzt, um die Innovationsdynamik zu beschleunigen. Die zentrale Rolle nehmen dabei die Unternehmen ein. Standortagenturen und Forschungseinrichtungen müssen diese Unternehmen vor allem im Wissenstransfer unterstützen. Schlussendlich muss es aber das Ziel sein, dass Unternehmer/n ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeit intensivieren. Denn dies ist die kritische Kenngröße, um von Innovation auch wirtschaftlich zu profitieren. Hier hat Südtirol, auch im direkten Vergleich zu den Nachbarregionen Trentino und Tirol, Potenzial nach oben. Innovation darf nicht zu einem Spielball institutioneller Körperschaften degradieren. Aus der wirtschaftspolitischen Perspektive muss Innovation eingesetzt werden, um die Region vor allem in ihren Exporten zu unterstützen. Egal ob in Form von Produkten, Handel oder Tourimus – Export war und wird entscheidend für die Wohlstandssicherung bleiben.

Perspektive Innovation Südtirol
Die Perspektive für das Innovationssystem Südtirol liegt vor allem auch darin, verstärkt die eigenen territorialen Grenzen zu überwinden. Die aktuell viel diskutierte Makroregion Alpenraum könnte eine solche territoriale Bezugsgröße sein, wenn es darum geht, im vernetzten Vorgehen Investitionen in Südtirol und Exporte aus Südtirol zu stärken.

Ein liquider Markt für Eigenkapital ist entscheidend, um Neugründungen und Investitionen in bestehende Betriebe zu fördern. Ausschließlich mit Fremdkapital über Banken die Innovationsaktivitäten der Unternehmen zu finanzieren, wird nicht ausreichen. Start-ups können in der Regel nicht auf ausreichend verfügbares Eigenkapital zugreifen, sind aber wichtige Akteure in und für ein innovatives Wirtschaftssystem. Regionale Fonds für regionale Unternehmen aber auch regionale Crowd-Financing Plattformen könnten eine Perspektive sein. Inwieweit die öffentliche Hand eine Rolle spielen kann und soll, muss gesondert erörtert werden. Berechtigterweise wirft es kritische Fragen auf, wenn öffentliches Geld zur Finanzierung unternehmerischen Risikos eingesetzt wird.

Wenn Kapital der harte Faktor ist, dann ist der Mensch der weiche Standortfaktor, um eine positive Innovationsdynamik zu erzeugen. Junge und qualifizierte Arbeitskräfte sind der Motor für ein vitales, regionales Innovationssystem. Die Qualität der dualen Ausbildung, akademische Exzellenz und angewandte Forschung aber auch eine Stärkung der naturwissenschaftlichen Grundausbildung sind das Gebot der Stunde. Südtirol muss als ‚Bildungs-Region‘ global attraktiv sein, denn nur so werden wir ‚Fresh-Blood‘ für unseren Standort halten und anziehen können.

Südtirol darf kein Resort werden, sondern muss für die Mittelschicht leistbar sein (werden!), anderenfalls riskiert Südtirol einen Brain-Drain bzw. ist kaum attraktiv für eine qualifizierte Zuwanderung. Die Demographie bestätigt, dass auch Südtirol eine Zuwanderung benötigen wird. Schlussendlich muss Südtirol eine Zivilgesellschaft kultivieren, die mit den verschiedenen Spielarten von Subkultur offen umgeht. Dann wird Südtirol auch in der Lage sein, diese subkulturelle Dynamik als Nährboden für Innovation zu nutzen. Denn nicht selten findet Innovation an den Rändern der Gesellschaft statt.

Scheitern tolerieren, aber vermeiden.
Bei allen Vorhaben und Möglichkeiten, bleibt es aber die harte Realität, dass Innovation eng mit dem Scheitern korreliert. Nur eine Gesellschaft, die auch die ‘Akzeptanz einer Fehlerkultur’ in sich trägt und soziale sowie wirtschaftliche Auffangmechanismen bereitstellt, kann ein Standort für Innovation sein. Anderenfalls ist Verharren die bessere Alternative!

Autor: Harald Pechlaner und Manuel Demetz (Vortrag Tag der Innovation 2014 Bozen)

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