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Image CC BY-NC-SA: Shinsaku/flickr

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Kaum ein Tag, an dem nicht bedrückende Meldungen von den Arbeits- oder Absatzmärkten eintrudeln. Auf den ersten Blick sind es Meldungen von Entlassungen bei großen Unternehmen, deren (regionale) Bekanntheit die Betroffenheit vielfach noch verstärkt; nicht viel anders ist die Lage bei klein- und mittelständischen Unternehmen, welche zumindest in Italien unter der Steuerlast und zunehmenden bürokratischen Hürden sowie unter schwieriger werdenden zumeist regionalen Absatzmärkten leiden.

Hatte man bei Betrachtung quantitativer Messgrößen nach dem Beginn der ersten großen Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 noch gesagt, dass es der Tourismussektor sei, der dieser Krise im Unterschied zu anderen Sektoren standhalten konnte, so hat sich diese These mittlerweile erübrigt. Zunehmend ist von Schwierigkeiten auch im Hotelsektor die Rede, von einem diffusen Investitionsverhalten, von zum Verkauf stehenden Betrieben und insgesamt von einem beträchtlichen Negativtrend in der Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. Mögen die Zahlen des Arbeitsmarktes (z.B. Erwerbsquote, Arbeitslosigkeit) relativ zu anderen Räumen noch einigermaßen positiv erscheinen, kann doch auch davon ausgegangen werden, dass die strukturellen Anpassungen auf globaler Ebene mit einer bestimmten zeitlichen Verzögerung in Südtirol ankommen werden.

Regionale Entwicklungsstrategien feiern derzeit Hochkonjunktur, auch weil die Europäische Union einen neuen Planungszeitraum 2014 – 2020 definiert und in der Folge auch die Regionen aufgefordert sind, geeignete Möglichkeiten der Integration und Partizipation in die Entwicklungsstrategien der EU zu definieren; ein anderes Beispiel ist in Südtirol die von der Handelskammer gemeinsam mit dem Südtiroler Wirtschaftsring vorgelegte „Reformagenda für Südtirol“ mit deutlichem Fokus auf Sparmaßnahmen und einer Neubewertung dessen, was die Rolle der öffentlichen Hand zukünftig (noch) sein soll. Dies alles, um Wachstumsimpulse zu ermöglichen.

Unbehagen macht sich breit, und zunehmend wird Unsicherheit als Bedrohung und immer weniger als Chance gesehen, wohl auch deshalb, weil der in vielen Jahrzehnten geprägte Glaube an ein stetes Wachstum abgelöst wird von den Erkenntnissen aus schwierigen Anpassungsprozessen an globale Bedingungen. Kommen dann noch die Schreckensmeldungen durch Naturgefahren dazu, verstärkt sich das Bild von der Brüchigkeit unserer Lebensräume. Dann wird schleichend aber stetig alles zur Krise stilisiert: Demographische Krisen oder die zunehmende Alterung der Gesellschaften, Klima-Krisen und die zunehmenden Wetterextreme mit sichtbaren Auswirkungen auf das schwieriger werdende Leben am Berg, Werte-Krisen und die damit zusammenhängenden Fehleinschätzungen von Unternehmen bei der Auswahl und Interpretation von Märkten und Zielgruppen, oder politische Krisen, wenn Staaten – durch globale Finanz- und Kapitalmärkte sowie Finanz- und Schuldenkrisen mit dem Rücken zur Wand – neue Governance-Modelle versuchen und dabei gewohnte Demokratieprinzipien in Frage stellen oder neu interpretieren. Neben der zunehmend grassierenden Unsicherheit und der entsprechenden Ohnmacht bei der Interpretation der Wirkungen ist aber auch der Sinn für ganzheitliche Ansätze der Entwicklung als Aufforderung zum (gemeinsamen) Handeln stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Gemeinsamkeit setzt Überschaubarkeit und Identität voraus, und die findet man auf der regionalen Ebene dann doch zumeist einfacher als auf nationaler oder gar internationaler Ebene. Die wahrgenommenen Lebensräume werden zu den bedrohten Einheiten, deren Widerstandsfähigkeit es zu stärken gilt. Diese Lebensräume betreffen dann ein breites Spektrum von der Bildung über die Altersversorgung, von den Mobilitätsmöglichkeiten bis hin zum Umgang mit Naturgefahren wiewohl die Sicherheit der Arbeitsplätze selbst. Die Kunst wird zunehmend darin bestehen müssen, einerseits lokale und regionale Kreisläufe zu fördern, weil sie dem Bewusstsein von Menschen entsprechen, ihre unmittelbaren Lebensräume zu gestalten, und weil gerade in solch überschaubaren Räumen auch schnell ein Bewusstsein für gemeinsames Handeln entstehen kann; andererseits muss ein dynamischer politischer Rahmen dafür sorgen, dass ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass lokale Kreisläufe anfällig sind und daher die Vernetzung weit über die Region hinaus die notwendigen Innovationsimpulse bringen kann, um Anpassungsfähigkeit zu einer Kernkompetenz eines regionalen Netzwerkes werden zu lassen. Ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Krisen verstärken sich gegenseitig, was die Notwendigkeit des Aufbaus von Widerstandsfähigkeit verstärkt: lokale und regionale Krisen haben ihre Ursachen zumeist auf internationaler Ebene, was darauf hinaus läuft, einerseits die Anpassungsfähigkeit für Krisen vor Ort zu stärken und zugleich das Bewusstsein für ein langfristiges und vorbeugendes Krisenmanagement zu schaffen.

Resilienz bedeutet nicht so sehr, alle großen und kleinen Krisen ohne Blessuren zu überstehen, sondern sie stellt eine Einstellung und einen Anspruch dar, mit Krisen dahingehend umzugehen, als man über strategische Optionen „jenseits des Status quo“ nachdenkt, und Schrumpfung, Konzentration der Kräfte, Fokussierung sowie das mögliche partielle Scheitern in die öffentliche Diskussion integriert. Die Leitbilder der letzten Jahrzehnte waren stets auf die (generationenübergreifende) Bewahrung und Stabilität des Vorhandenen ausgerichtet (wir sprechen dabei allzu gerne von Nachhaltigkeit), es wird verstärkt notwendig sein, diese um Wertegrundlagen und Strategien zu ergänzen, welche die Entwicklung der Fähigkeit breiter Gesellschaften vorsehen, Rückschläge zu verarbeiten, Schrumpfung zu akzeptieren, und (wirtschaftliches) Scheitern als Grundlage für Innovation anzuerkennen. Dies erfordert eine offene und breite Diskussion von strategischen Optionen und ihren möglichen Wirkungen samt Erweiterung des Risikoblickwinkels.

Südtirol steht wohl erst ganz am Anfang eines Prozesses, bei welchem es darum gehen kann, Resilienz im Sinne eines Anspruchs an Zukunftsfähigkeit zu verstehen, insofern man sich die Flexibilität aneignet, Bestehendes mehr als in der Vergangenheit in Frage zu stellen, Bewährtes weiterzuentwickeln und Neues zuzulassen. Das wäre dann die Voraussetzung für Nachhaltigkeit.

Autor: Harald Pechlaner

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