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Fotocredit: Plattform Land

Im italienischsprachigen Tal Valposchiavo (zu Deutsch: Puschlav) im Schweizer Kanton Graubünden haben sich vor einigen Jahren Wirtschaftsakteure dazu entschlossen, ihre lokalen Produkte aufzuwerten. So entstand die Marke „100% Valposchiavo“. Bis zum heutigen Tag konnte durch die Vernetzung von Landwirtschaft, Produktverarbeitung und Gastronomie die Wertschöpfung in der Primärproduktion um 10-20% erhöht werden. Die Plattform Land erkundigte sich zu der Initiative gemeinsam mit Vertretern unterschiedlicher Wirtschaftssektoren aus dem Vinschgau bei einem Besuch vor Ort.

Pizzoccheri – darum drehte sich alles bei der von der Plattform Land organisierten Exkursion im Rahmen des Projekts „regionale Kreisläufe der Wirtschaft“. Diese Teigware, bestehend aus Buchweizen-, Weizenmehl, Salz und Wasser ist typisch für das Valposchiavo, dem Ziel der Exkursion. Doch der Anbau des Buchweizens, der Grundlage für Pizzoccheri, wurde im Tal aufgrund der Rationalisierungsprozesse in der Landwirtschaft gänzlich aufgegeben. Erst durch eine Bildungsinitiative, die den Weg traditioneller Lebensmittel vom Feld auf den Tisch darstellen wollte, bauten Landwirte das sogenannte Pseudogetreide auf einer kleinen Fläche wieder an. Einige Jahre später kamen zu diesem Feld, das zu Bildungszwecken angelegt wurde, noch weitere Hektar Buchweizen hinzu. Denn der Bedarf an lokal angebautem Buchweizen war gestiegen. Gastronomen aus dem Tal fragten ihn zunehmend nach, um den regionalen Rohstoff für die Zubereitung ihrer Menüs zu verwenden, in denen Pizzoccheri ein fester Bestandteil sind.

Herkunft der Produkte absolut transparent

Doch nicht nur der Buchweizen erlebte in den vergangenen Jahren einen Aufschwung im Tal. Auch andere, zum Teil in Vergessenheit geratene, landwirtschaftliche Produkte können heute Dank fairer Rohstoffpreise wieder bzw. noch hergestellt werden. Dazu hat vor allem das Projekt „100% Valposchiavo“ beigetragen, das aus einer Vernetzung von Akteuren verschiedener Wirtschaftsbereiche entstanden ist. Das Ziel dieses Projekts ist die Aufwertung lokaler Produkte. Wo „100% Valposchiavo“ draufsteht, ist auch 100% Valposchiavo drin. Die Marke ermöglicht den Konsumenten die Rückverfolgbarkeit der Herkunft von Lebensmitteln und garantiert, dass alle Inhaltsstoffe eines Produktes (außer Gewürze, die hier nicht heimisch sind, und Zucker) aus Valposchiavo kommen. Erhältlich sind die Produkte direkt auf den Bauernhöfen, im Großhandel, in Feinkostläden und in den Gastronomiebetrieben vor Ort.

Eine Win-Win Situation für Landwirtschaft und Tourismus

Gastronomen, die sich den Standards der Marke verpflichten, müssen mindestens drei Gerichte anbieten, die sich ausschließlich aus lokalen Erzeugnissen zusammensetzen. Da kann es schon vorkommen, dass man eine Pizza „100% Valposchiavo“ auf der Speisekarte findet. Mehl, Tomaten und Mozzarella sind nämlich Produkte, die die Bauern des Tals ebenfalls herstellen können. Die hohen Qualitätsstandards der Marke rufen das Vertrauen der Einheimischen und der Touristen hervor. Davon profitieren auch die Gastbetriebe. Dennoch bieten sie auch Gerichte ohne „100% Valposchiavo“-Produkte an. So erweitern sie die Auswahl an Speisen und können den Gästen auch preiswertere Alternativen bieten.

Große Ambitionen für die Zukunft

Die Tatsache, dass in Valposchiavo immer schon eine extensive und diversifizierte Landwirtschaft betrieben wurde, ist eine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Marketing. Bereits heute bewirtschaften beachtliche 90% der Landwirte ihren Betrieb nach biologischen Standards. Für die nächsten Jahre strebt das Projekt „100% Valposchiavo“ das Ziel einer flächendeckenden Bio-Landwirtschaft an.

Die Teilnehmer der Lehrfahrt ins Valposchiavo kehrten mit neuen Eindrücken und Inputs für die Gestaltung einer vielversprechenden Zukunft zurück nach Südtirol. Werden sie und andere Akteure die Ideen in die Südtiroler Realität umsetzen oder bleibt die Aufwertung lokaler Qualitäts-Erzeugnisse durch die Kooperation zwischen unterschiedlichen Sektoren doch bloß ein idealistischer Gedanke? Das Beispiel Valposchiavo, aber auch andere innovative und mutige Regionen zeigen vor, dass lokale Wirtschaftskreisläufe wirtschaftlich tragbar sind. Neben der Verfügbarkeit von einer Vielfalt an heimischen, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, die unter nachhaltigen Bedingungen hergestellt werden, entstehen zusätzlich neue, attraktive Beschäftigungsfelder. Im Gegensatz dazu fördern unsere heutigen Agrarprogramme eine spezialisierte und arbeitsteilige Landwirtschaft, die nach den Grundsätzen komparativer Kostenvorteile vielfach für den Export produziert und den Import eines Großteils der konsumierten Lebensmittel notwendig macht. Viele Konsumenten sind sich mittlerweile über die negativen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen des Welthandels bewusst und handeln verantwortungsvoll, indem sie lokale Wirtschaftskreisläufe unterstützen. Angesichts der steigenden Nachfrage nach lokalen Produkten und des Potenzials der Südtiroler Landwirtschaft mehr als nur Äpfel, Wein und Milch zu produzieren, stellt sich die Frage: Wann wird auch in Südtirol die erste Pizza mit 100% heimischen Zutaten auf der Speisekarte stehen?  

Autoren: Verena Gramm und Christian Hoffmann

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