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Makroregionale Strategien werden von der EU als neue Chance für eine zielgerichtete Entwicklung einer spezifischen Region betrachtet. Gemeinsame Herausforderungen bewältigen, das ist der zentrale Punkt bei Makroregionen. In der Makroregion Baltisches Meer (2009) geht man vereint gegen die Verschlechterung des Umweltzustands der Ostsee vor. Im Donauraum (2011) steht die reibungslose Schiffbarkeit auf der Donau und deren Wasserqualität im Zentrum. Die Makroregion des Adriatisch-Ionischen Raums (2014) setzt auf die gemeinsame Förderung der Meereswirtschaft („blaues Wachstum“) und nachhaltigen Tourismus. Die makroregionale Strategie für die Alpen (EUSALP, 2015) wird seit knapp einem Jahr umgesetzt. Hier besteht die gemeinsame Herausforderung darin, den territorialen, wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichten zwischen Städten und ländlichen Gebieten zu begegnen.

Es sind vor allem drei Punkte, die bei der EUSALP im Vergleich zu den anderen Makroregionen neu sind: Das Berggebiet, die vielfältige Geographie und die Zahl der Institutionen. Im Zentrum der EUSALP steht zum ersten Mal kein Gewässer, sondern ein Bergmassiv. Hier wirken spezifische Bedingungen auf die Erhaltung der Lebensqualität und die notwendige Anpassung an Veränderungen wie den Klimawandel. Umfassend sind deshalb die EUSALP-Herausforderungen. Das kommt in den neun thematischen Aktionsgruppen („Action Groups“, AG) (siehe Abbildung und Kasten unten) zum Ausdruck.

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Die neun EUSALP-Aktionsgruppen

 

Es geht aber nicht allein um das Berggebiet der Alpen. Der EUSALP-Raum ist sehr groß (440.000 km², 80 Mio. Einwohner, also 1,2 x Deutschland). In ihr liegen sehr heterogene Gebiete. Die räumliche Struktur ist deshalb die eigentliche große Herausforderung der EUSALP. Sie erinnert an die ineinander schachtelbare russische Matrjoschka Holzpuppe, die ein gutes Sinnbild für die EUSALP sein könnte. In der großen EUSALP-Matrjoschka stecken drei oder vier kleinere Matrjoschkas:

  • Im Zentrum der Makroregion (1) liegt das Alpenkonventionsgebiet (AK; 191.000 km²) (2). Das ist, wenn auch nicht 100%ig, identisch mit dem eigentlichen Berggebiet der Alpen.
  • Das Umlandgebiet der AK (3) inklusive kleinerer Städte (250.000 km²).
  • Und die größere Städte und Metropolen (4). Sie sind hier als 245 Funktionale Urbane Gebiete (FUG) bezeichnet und ergeben sich aus der Zahl ihrer Einpendler und Arbeitsplätze. 75% der FUGs liegen am Alpenrand bzw. im voralpinen Gebiet, nur 25% im Berggebiet.

Diese Dreiteilung ist aus geographischer Sicht natürlich eine vereinfachende. Sie blendet die vielen anderen funktionalen räumlichen Einheiten wie Agglomerationen, Groß-, Klein- und Mittelstädte und Übergangsgebiete wie periurbane und rurale Regionen sowie Zwischenräume etc. aus.

 

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Die räumlichen Einheiten innerhalb des EUSALP-Gebietes (Karten: Elisa Ravazzoli, Eurac)

 

Schließlich existieren in keiner anderen Makroregion so viele etablierte institutionelle und politische Akteure: Alpenkonvention, ARGE ALP, CIPRA, 48 Regionen, acht Staaten, 27 Euregios etc.. Sie sollen jetzt eine eingespielte Mannschaft werden. Aber unter speziellen Bedingungen. Denn die EU erwartet, dass sie professionell spielen, aber Amateure bleiben und ohne eigentlichen Trainer auskommen. Denn Makroregionen beruhen auf drei „Neins“: es werden keine zusätzliche Institutionen geschaffen und sie verfügen über keine rechtliche und finanzielle Mittel. Deshalb gelten Makroregionen auch als „soft space“ (Alpen Plus). Zwar besteht die EUSALP-Governance neben den neun thematischen Aktionsgruppen, aus einer Generalversammlung (politische Steuerung) und dem exekutiven Ausschuss (Koordination). Aber entscheidend ist das Zusammenspiel der beteiligten internationalen, nationalen und regionalen Akteure in den Arbeitsgruppen. Man spricht hier von Mehr-Ebenen-Governance. In den AG werden im Rahmen der beschlossenen Leitthemen mögliche Projekte diskutiert und ihre denkbare Finanzierung erörtert (z.B. im Rahmen des Alpenraumprogramms). Die Aufgabe der Aktionsgruppen bei der Definition von Projekten ist es nun, die Beteiligten zusammen zu schweißen und die geographischen und thematischen Schnittmengen zu finden.

Im Grunde geht es also um die Verflechtung von Berg-, Stadt- und Landgebieten. Es sind vor allem die funktionalen Wechselbeziehungen zwischen diesen räumlichen Einheiten in den Vordergrund zu stellen. Das macht Sinn. Denn es existiert kaum ein Problem im Berggebiet, das nicht mit den Nicht-Berggebieten zu tun hat (Verkehr, Massentourismus). Und umgedreht lebt und profitiert das Umland und die voralpinen Städter von den alpinen Berggebieten (Ökosystemleistungen wie Wasser-, Energieversorgung, Lebensmittel, Freizeit/Tourismus). Bergspezifische Probleme dürfen also ebenso wenig übergangen werden wie städtische und ländliche. Der Mehrwert der EUSALP gegenüber den bisherigen Programmen und Strategien (Alpenraumprogramm, Alpenkonvention, Euregio etc.) besteht folglich darin, dass sie die Anliegen dieser unterschiedlichen Gebietseinheiten möglichst ausnahmslos und gleich stark in den Projekten berücksichtigt. Die Akteure und Stakeholder aus Berg-, Stadt- und Landgebieten sind gleichberechtigt einzubinden.

Ein auf dieser Weise umgesetzter makroregionaler Ansatz kann generell ein zielführender Ansatz für Berggebietspolitik und -forschung sein. Sie beachtet das Zusammenspiel von Akteuren unterschiedlicher Disziplinen sowie von Berg- und Nicht-Berggebieten zu wenig. Die EUSALP entpuppt sich als ein spannender räumlicher und institutioneller Schmelztiegel.

Hinweis: Südtirol ist in den AG 4 Verkehr und 9 Erneuerbare Energien beteiligt. Während sie AG 4 zusammen mit den EUREGIO Partnern Tirol und Trentino koordiniert, leitet sie AG 9 alleine. Die Mitglieder der AG haben sich mittlerweile alle getroffen und über die weitere Vorgehensweise geeinigt. Ein erster Meilenstein ist die Definition der fachlichen Leiter der AGs. Ein weiterer ist die Ausarbeitung der ersten Arbeitsprogramme. Das ist ein zentraler Punkt für die EUSALP. Denn hier geht es um die Umsetzung der EUSALP-Ziele und die Definition von Projekten, die für die Makroregion relevante „gemeinsame Herausforderungen“ angehen. Für jene AG, die thematisch sehr breit aufgestellt sind wie z.B. die AG 6 „Natürliche Ressourcen“ wurden thematische Untergruppen gebildet, die von ein bis zwei technischen Leitern koordiniert werden.

Autor: Thomas Streifeneder

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