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Die Diskussionen rund um die sogenannte Flüchtlingskrise und Fragen der Integration reißen nicht ab. Die ernorme Zunahme an Personen, die aufgrund von Konflikten, Krieg, Strafverfolgung und Menschenrechtsverletzungen fliehen, unterstreicht die Notwendigkeit einer längst überfälligen Auseinandersetzung mit dem Thema. Weltweit waren Ende 2015 laut UNHCR – Schätzungen 63,91 Millionen Menschen auf der Flucht. Dabei flüchtet ein vergleichsweise kleiner Teil dieser Menschen nach Europa. Die zentrale Mittelmeerroute stellt dabei, vor allem für Flüchtende aus Afrika, einen der Hauptwege Richtung Europa dar. Italien weist nach Griechenland die zweithöchste Zahl an irregulären MigrantInnen auf, welche sich zum Teil auf der Durchreise nach Mittel- und Nordeuropa befinden und zum Teil in Italien Asyl suchen.
In Italien wird eine ausgewogene räumliche Verteilung der AsylbewerberInnen angestrebt, welche durch einen staatlichen Aufteilungsschlüssel berechnet wird. Ziel ist die Schaffung einer dezentralen Aufnahmestruktur zur Entlastung überforderter Regionen. Aus diesem Grund ist die Region Südtirol zu einer Aufnahme von 0,9% der AsylbewerberInnen Italiens verpflichtet. Zentrale Aufgaben sind bzw. wären dabei die Einrichtung von Aufnahmezentren und langfristig die Integration der Asylsuchenden.

Derzeit halten sich in Südtirol rund 1.000 AsylbewerberInnen auf (August 2016), welche räumlich auf 18 Aufnahmezentren verteilt sind. Mehr als die Hälfte konzentriert sich auf die sechs Einrichtungen der Stadt Bozen, in denen sie während der Bearbeitungsdauer des Asylantrages verbleiben können, diese beträgt ungefähr 15 bis 20 Monate. Während in vielen Ländern AsylbewerberInnen in dieser Zeit „zum Nichtstun verdammt“ sind, können diese in Italien einer Beschäftigung nachgehen. Ein bestehendes Beschäftigungsverhältnis für Flüchtlinge ermöglicht dabei neben der Sicherstellung der persönlichen Autonomie durch einen eigenständigen Lebensunterhalt, auch die Förderung der sprachlichen Kompetenzen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Damit eine erfolgreiche Integration gelingen kann, gilt es folglich so früh wie möglich im sozio-ökonomischen Bereich anzusetzen. Durch die langen Bearbeitungszeiten der Asylanträge sind bereits vor Erhalt des Schutzstatus Investitionen zur beruflichen Eingliederung erforderlich, welche für den Erfolg einer langfristigen Integration ausschlaggebend sein können.

Die Projektidee „Rural Areas for Refugees – Refugees for Rural Areas“ knüpft hier an. Einen Kerngedanken bildet dabei eine frühzeitige Einbindung in den Arbeitsmarkt durch das Zusammenführen zweier entfernter Realitäten: jener der AsylbewerberInnen mit jener der Wirtschaft unter Einbezug der räumlichen Verteilung auf rurale Gebieten. Die Flüchtlingskrise wird hierbei nicht nur als temporärer Ausnahmezustand betrachtet, sondern als Herausforderung langfristige Antworten auf die Frage der Integration zu finden. Immigration kann als wesentliche strukturelle Komponente der lokalen Wirtschaft und als potenzieller Mehrwert für die Gemeinschaft wahrgenommen werden. Weiters liegt der Schwerpunkt auf der Integration im ländlichen Raum, da gerade dort Rahmenbedingungen gegeben sind, die der Integration förderlich sein können: ein stark ausgeprägtes Gefühl der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts, die große Bedeutung von sozialen Beziehungen und das zivilgesellschaftliche Engagement.

Die Dringlichkeit der Thematik der Integration der Flüchtlinge wurde auch durch die Verleihung eines der Arge Alp-Hauptpreise an die ausgearbeitete Projektidee „Rural Areas for Refugees“ zum Ausdruck gebracht. Thema des Preises waren „Innovative Kooperationen im Beschäftigungsbereich“, welche sich im Rahmen des genannten Projektes in der Zusammenarbeit von fünf Partnern äußerte: dem Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement (EURAC), der Caritas Diözese Bozen/Brixen, dem Verein Volontarius Onulus, der Gemeinde Mals und der Gemeinde St. Ulrich.
Das gemeinsame Ziel der Partner liegt darin, einerseits eine Aufwertung der Region und des sozioökonomischen Gefüges, andererseits die soziale und berufliche Integration von Flüchtlingen voranzubringen. Zudem wird durch den Austausch zwischen den Gemeinden Mals und St. Ulrich die Schaffung von neuem Know-how angestrebt, d.h. ein gewinnbringender Austausch sowohl aus ökonomischer als auch aus sozialer Sicht. Nun gilt es die Projektidee mit konkreten Initiativen umzusetzen, das Integrationspotenzial des ländlichen Raumes auszuloten, auf Worte Taten folgen zu lassen und die große Herausforderung der Zusammenführung der zwei Welten – jener der AsylbewerberInnen mit jener der Wirtschaft – anzugehen.

Autor: Anja Marcher

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