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CC-BY-0: Unsplash

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Spiritueller Tourismus wird meist mit geistlich, religiös und kirchlich motiviertem Reisen in Verbindung gebracht. Allerdings kann der Begriff wesentlich breiter gefasst werden und Reiseformen inkludieren, denen die Natur, die Kultur oder die Gesundheit als wesentliche Komponenten der Reisemotivation, aber auch Beweggründe wie Sinnsuche, Selbstfindung oder die innere Ausgeglichenheit zugrunde liegen. Spirituelle Erlebnisse und Erfahrungen setzen an der ganzheitlichen Auseinandersetzung mit ‘Körper, Geist und Seele’ an. Dabei definieren Kultur- und Naturlandschaften den Möglichkeitsraum spiritueller touristischer Angebotsgestaltung.

Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zeigen, spirituelle Reisen liegen im Trend. Hinweise darauf geben z.B. der Erfolg Hape Kerkelings mit dem Erscheinen seines Bestsellers „Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg“ oder Magazine, wie Geo Wissen, das 2014 eine gesamte Ausgabe der Frage „Was gibt dem Leben Sinn?“ widmete. Die Regale in den Buchhandlungen füllen sich mit Werken über die Suche nach dem Sinn des Lebens und des Daseins und die Zukunftsinstitut GmbH spricht über die Explosion des Selfness-Mindness-Trends. Persönlichkeitstrainer und Coaches profitieren von dem veränderten Nachfrageverhalten, das in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung deren Angebote, mit denen sie Menschen zu einem glücklichen, gesunden und erfolgreichen Leben verhelfen, merklich attraktiver macht. Vor dem Hintergrund der Schnelllebigkeit und der hohen Volatilität der neuen Systeme und Gleichgewichte haben Begriffe wie Entschleunigung, Auszeit, Ruhe, Stille, Langsamkeit, Selfness und mental Fitness an Bedeutung und Aktualität zugenommen.

Der Wunsch nach spirituellen Erfahrungen während dem Reisen und nach der Suche und Wahrnehmung von Authentizität, Entspannung, Ausgleich, Vertiefung, aber auch Besinnung und Einsicht wächst. Touristische Akteure versuchen durch neue Produkte und Angebote die Sehnsüchte Reisender, die von hektischen Alltagsrealitäten Abstand und eine Auszeit nehmen wollen, aufzufangen. Das Bayerische Pilgerbüro bietet neben Pilgerreisen auch „Reisen zu neuer Zuversicht“, Wanderreisen in Begleitung von Würdenträgern oder Reisen mit ärztlicher Begleitung an.

Die Thüringer Tourismus GmbH bewirbt ihre Destination unter dem Slogan Waldwellness Thüringen mit Angeboten für alle die Erholung, Gesundheit und Lebensfreude suchen. Aber auch die Begegnung mit anderen Religionen bzw. Philosophien und fernöstlichen Heilpraktiken und Lebenskünsten wie Yoga, Meditation, Shiatsu-Massagen oder Feng Shui sind wichtige Komponenten spiritueller Urlaubsangebote. Hotels in Österreich, Deutschland und Südtirol greifen die Ausdifferenzierung der Lebensstile auf und positionieren sich als Ayurvedahotels mit Wellnessangeboten für Entspannung und Ausgeglichenheit.

Die Vielfalt der Natur- und Kulturlandschaft Südtirols birgt Potentiale für spirituelle Reiseangebote. Klöster, Burgen, Schlösser, Besinnungswege, Bauernhöfe, Berge oder Themenwege ermöglichen das Erlebnis von Spiritualität in vielfältiger Weise. Die Agentur Südtirol Marketing hat mit der Initiative „Südtirol Balance“ einen ersten Schritt in die Richtung getan und den Trend aufgegriffen. In den vier Ferienregionen Meraner Land, Südtirols Süden, Vinschgau und Eisacktal, die ein jeweils eigenes Kernthema besetzen, kann der Gast „Ferien fürs Ich“ erleben, indem er sich Zeit für Genuss (Südtirols Süden), Zeit für Entspannung (Meraner Land), Zeit für Bewegung (Eisacktal) oder Zeit für Erfahrungen (Vinschgau) nimmt und sich selbst „wieder ins Gleichgewicht bringt“.

Auch das Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement der EURAC greift das Thema an der Schnittstelle von Spiritualität und Tourismus im Rahmen einer Fachtagung auf. Gemeinsam mit Vinschgau Marketing, dem Benediktinerstift Marienberg und der Kommission für Tourismus und Freizeit der Diözese Bozen-Brixen führt das Institut am 07. und 08. Mai im Kloster Marienberg wissenschaftliche Experten und Praktiker aus dem In- und Ausland zusammen, um unter dem Motto „Sinnsuche im Urlaub. Reisetrend der Zukunft?“ Möglichkeiten der touristischen Angebotsgestaltung unter Berücksichtigung der neuen Sehnsüchte zu diskutieren.

Kirchliche und touristische Akteure sollen Chancen und konkrete Beispiele der Kooperation und Vernetzung für eine kooperative touristische Produktentwicklung aufzeigen und von ihren Erfahrungen berichten. Gerade der Vinschgau mit seiner Tradition, Geschichte und Kultur mit den historisch bedeutenden Bauwerken, seinen Bräuchen und der von Wein, Obst und Korn geprägten Naturlandschaft hat vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten für die Entwicklung spiritueller Reiseangebote. Auch die Hotellerie kann die vorhandenen Potentiale aufgreifen und in der Entwicklung neuer Produkte und Angebote integrieren oder Bestehende den veränderten Erwartungen und Anforderungen der Gäste anpassen. Mit dem Wissen um die Besonderheiten Südtirols scheint es zielführend und sinnvoll an diesen regionalen Potentialen anzuknüpfen, um authentische, sinn-volle und ruhestiftende Angebote, abseits fernöstlicher, importierter Esoterik-Angebote, als Gegenpol zum hektischen Alltag zu entwickeln.

Bleibt die Frage zu klären, ob bei all den Angeboten mit all ihren Funktionen und Versprechungen das eigentliche des Urlaubens, das sich frei fühlen und Raum und Zeit auf sich wirken zu lassen – ohne Planung, nicht auf der Strecke bleibt. Genau an dieser Schnittstelle muss intelligentes Produktmanagement im Kontext spirituellen Reisens anknüpfen, damit es nicht zu einem Konsumismus führt und als Ergebnis das Gegenteil bewirkt.

Autor: Elisa Innerhofer

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