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Vigilius-Sensus

vigilius sensus ist eine Impulsveranstaltung, welche jährlich im vigilius mountain resort am Vigiljoch bei Meran in Form einer moderierten Diskussionsrunde mit hochkarätigen Persönlichkeiten stattfindet. Sehnsucht und Wertewandel, Zeit und Aufmerksamkeit, Leichtigkeit und Zugehörigkeit waren die Themen der vergangenen Jahre. Es geht darum, mit Hilfe unterschiedlicher Blickwinkel, Disziplinen und Erfahrungen anhand eines Themas gesellschaftliche Entwicklungen zu ergründen und in Ansätzen zu verstehen.

Das Thema der Ausgabe des Jahres 2016 waren „Grenzen und Übergänge“. Dabei konnte grundsätzlich festgehalten werden: Grenzen entstehen bewusst oder unbewusst, werden von Menschen gemacht und lassen sich verschieben bzw. überwinden. Grenzen sind damit soziale Konstruktionen und ermöglichen durch die Trennung eine mindestens beidseitige Betrachtung. Grenzen sind nicht nur Linien, sondern Hüllen, Ränder oder Räume. Die (Un-)Schärfe von Grenzen kann Grenzräume schaffen – und damit den Weg zu Übergängen und Verbindungen herstellen.

Obschon konstruiert, sind Grenzen aber gleichsam etwas zutiefst Praktisches und vor allem praktisch Relevantes. Grenzen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu erkennen, ist Grundvoraussetzung für das Erahnen von Übergängen und das Auskundschaften von Neuland jenseits der Grenzen. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich Pioniere dadurch aus, dass sie die Grenzen als Ausgangspunkt ihres Tuns und Handelns bestimmen, aber jenseits der Grenzen schauen, und dadurch Zukunft antizipieren können. Grenzen auszuloten und zu erweitern ist demnach notwendig, um neue Entwicklung zu ermöglichen. Um Grenzen auszuloten braucht es sicherlich ein gewisses Maß an Autonomie und jene Kontexte, die Kreativität zulassen und ermöglichen.

Grenzen zu verlassen bedeutet umgekehrt Kontrollverlust und die damit gewonnene Freiheit verweist gleichzeitig auf die Grenzen der Komfortzone, die bekanntlich auch zeitlich ihre Grenzen hat. Technologie und technologische Weiterentwicklung haben in den rezenten Jahrhunderten oftmals menschliche Grenzübertritte ermöglicht. Auch gegenwärtig zeichnen künstliche Intelligenz und die damit zusammenhängenden Entwicklungsperspektiven ein entgrenzendes, ja vielleicht sogar revolutionäres Bild am Übergang von Mensch und Technologie. Hoffen wir, dass es nicht die letzte Revolution ist, welche vom Menschen ausgeht. Übergänge und Grenzübertritte haben unweigerlich moralisch-ethische und gesellschaftliche Voraussetzungen wie auch Implikationen.

Das Spannungsfeld von Entgrenzung und Begrenzung entlang der Strukturbrüche unserer Zeit geht einher mit der sich ständig erneuernden Herausforderung, durch Grenzsetzung Identitäten zu konstruieren und damit die Horizonte neuer Grenzen als Orientierung festzulegen. Wachstumsgrenzen einerseits und Entgrenzungsmechanismen andererseits verlangen nach moralischen Grenzen. Aber reicht der Appell an die Moral? Werte wie Menschenwürde erhalten durch rechtsgesetzte Grenzen noch höhere Garde an Verbindlichkeit. Personale Ethiken, beispielsweise über Tugenden, flankieren und schärfen zusätzlich die Grenzen der Entgrenzungen gesellschaftlichen Handelns.

Aus der Regionalentwicklung wissen wir, dass echte Grenzregionen nur jene sind, deren Einwohner sich auch als „Grenzregion“ verstehen und entsprechende Identitätspraktiken äußern. Dieses Verständnis ist Voraussetzung, um grenzüberschreitende Kooperationen durchführen zu können. Entscheidende Fähigkeiten zur Bewältigung der großen Strukturbrüche und Disruptionen unserer Zeit sind analog wohl das Erkennen von Grenzen, das proaktive Modifizieren dieser Grenzen und das damit zusammenhängende Entwickeln neuer Grenzen sowie der grundsätzliche Versuch, Grenzenlosigkeit zu konzipieren. Pioniere erkennen Grenzen, überschreiten Grenzen und schaffen neue Grenzen. Durch ihre Auseinandersetzung mit Grenzenlosigkeit wissen sie aber zumeist auch um die Grenzen der Entgrenzung.

Autoren: Harald Pechlaner und Michael Volgger

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