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Von seiner kulturhistorischen Entwicklung her ist das Berggebiet eng mit der Viehwirtschaft verbunden. Aufgrund der kurzen Vegetationsperiode, den niedrigen Durchschnittstemperaturen, den kargen Böden und den schwierigen naturräumlichen Rahmenbedingungen gibt es im Berggebiet kaum Alternativen zur Grünlandwirtschaft kombiniert mit Tierhaltung. Als Berglandwirt zu bestehen und den Hof erfolgreich zu führen, ist kein „Business as usual“. Starrsinn, Hartnäckigkeit, Stolz und Traditionsbewusstsein werden eng mit dem Bauernstand insbesondere im Berggebiet verknüpft. Auch wenn diese Eigenheiten als unablässig für Fortbestand des Bauernstandes in den Ungunstlagen der Berge gelten, sind es oft genau diese, die einem Zugang zu innovativen und komplementären Lösungen entgegenstehen. Strukturelle Veränderungen werden abgelehnt. Die Schuld für Missstände wird dem Fehlverhalten anderer Akteure entlang der Wertschöpfungskette oder dem Unvermögen politischer Akteure zugeschrieben.

Mit diesen Themenvorgaben hat das erste Symposium zur Viehwirtschaft im Berggebiet, das die Freie Universität Bozen in Kooperation mit dem Eurac Research Institut für Regionalentwicklung, der Universität Padua und FIBL Schweiz ins ausgerichtet hat, einen optimalen Nährboden vorgefunden.

Angewandt, innovativ und selbstkritisch diskutierten 132 Forscher und Forscherinnen aus 14 Nationen, die sogar aus Indien oder Australien angereist waren, vom 20. bis 22. Juni im Forschungszentrum Eurac Research in Bozen über die Zucht und Haltung lokaltypischer Tierrassen im Berggebiet. Der Stellenwert der Berglandwirtschaft für das Gemeinwohl und die soziale Inklusion wurden genauso thematisiert, wie kooperative Ansätze, von denen Bergbauernbetriebe profitieren könnten. Vor dem Hintergrund, nachhaltige, lokale Kreisläufe und typische, hochqualitative Produkte in Berggebieten zu fördern, gleichzeitig aber wichtige Ökosystemleistungen wie die Kulturlandschaft und die Biodiversität zu erhalten, diskutierten die TeilnehmerInnen auch das Thema Klimawandel im Rahmen der Berg-Viehwirtschaft ausführlich. Fragen, wie mit der eingeschränkten Wettbewerbsfähigkeit der Grünlandbetriebe im Berggebiet unter dem Spannungsfeld naturräumlicher Standortsverhältnisse, betriebsstruktureller Rahmenbedingungen und politischer Bestimmungen umzugehen ist, wie die Co-Existenz mit Wolf und Bär aussehen kann und mit welchen Konzepten man die Hofnachfolge für die nächste Generation vorbereitet, wurden aus betriebsökonomischer Sicht diskutiert.

Um anschaulich zu zeigen, was es heißt, kleinstrukturierte Bergbauernbetriebe in Südtirol zu führen, gaben auf der eintägigen Exkursion zwei tierhaltende Betriebe in Lajen am Eingang ins Grödnertal Einblick in ihren Betriebsalltag. Die Teilnehmer bekamen ein Gesamtbild, wie man mit innovativen Ideen und einer klaren Betriebsstrategie, die spezifische Situation und die typischen Herausforderungen von Grünlandbetrieben im mittleren bis steilen Berggebiet meistern kann.

Pinzgauer Bio-Zuchtbetrieb am Tantscherhof

Aus Leidenschaft zur Natur und dem Wunsch mit der Natur zu arbeiten, hat Matthias Ploner seinen Bäckerberuf aufgegeben und den bereits stillgelegten elterlichen Hof übernommen. Er baute alles neu auf und investierte 300.000€ in den Stallneubau. Weitere 100.000€ gab er für landwirtschaftliche Maschinen aus. Den Hof mit 15 Milchkühen bewirtschaftet er alleine. Ein älterer Herr aus dem Altersheim, der tagsüber kleinere Handgriffe übernimmt, unterstützt ihn dabei. Den Tierarzt sehen seine Kühe nur selten. Auch wenn er zu Beginn nichts von der „Globuli Philosophie“ gehalten hat, setzt er jetzt – nach positiver persönlicher Erfahrung – voll auf Homöopathie. Ploner bewirtschaftet 10-12ha Wiesen, die nicht optimal um den Hof gelegen sind. Problematisch ist der hohe Bedarf an Maschinen für die Heuernte. Andere Maschinen, wie das Güllefass, teilt er sich mit benachbarten Betrieben. Er braucht zwei bis zweieinhalb Wochen mit stabilem Wetter, um die Heuarbeit zu erledigen. Um schneller und wetterunabhängiger zu sein, hat er für das Mähwerk einen „Aufbereiter“ gekauft und im Stadel eine Heubelüftung installiert. Um den Futterbedarf zu decken, kauft er jährlich 10-15.000 kg Heu zu. Bei einem Auszahlungspreis von 72/73€ Cent je kg vom Milchhof Brimi in Brixen rechnet sich seine Arbeit. Würde der Milchpreis unter 52 Cent (EU Schnitt 2017: 36 Cent) fallen, wäre der Betrieb defizitär und müsste schließen. Derzeit wirft der Betrieb, inklusive Förderungen, ausreichend ab, um die Schulden zu begleichen und den laufenden Betrieb zu finanzieren. Um wirtschaftlich unabhängiger zu sein, arbeitet Ploner einmal pro Woche im elterlichen Metzgereibetrieb mit. Für einen „gehobenen Lebensstandard“, mit eigenem Haus, hin und wieder mit der Familie auswärts zu essen oder einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, reicht es dennoch nicht. Dafür muss der gelebte Traum, als freier Bauer, sein eigener Herr, mitten in den Dolomiten zu sein, entschädigen.

David’s Goashof – die Idee eines Quereinsteigers

David Perathoner, der frühere Sportartikelgroßhändler und Testpilot bei Red Bull in der Schweiz, hat innerhalb von zwei Stunden sein Leben auf den Kopf gestellt. 2008 gab er mit der Kündigung die Annehmlichkeiten eines Topverdieners auf und hatte plötzlich Zeit, über sein Leben und den Einstieg in die Landwirtschaft nachzudenken. Bei den Ziegen ist er schließlich hängen geblieben. Ohne Vorkenntnisse und mit nur zwei Hektar Wiesen hat er mit 17 Ziegen begonnen. Motiviert und mit viel Spaß tingelte David durch Europa, um Betriebe kennen zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Für ihn festigte sich das Bild: Bio-Produktion und Direktvermarktung sind sein Weg. Für die Umsetzung dieser Vision investierte er über eine Million Euro. Der 500 m² große Stall ist hell und laut Bioland optimal für die Haltung von 150 Mutterziegen ausgerichtet. Von einem deutschen Biobetrieb im Allgäu kaufte er 75, vier Monate alte CAE und pseudotuberkulosefreie Jungziegen. Er zog sie selbst auf, und nachdem diese gekitzt hatten, gab es das erste Mal 40 Liter Ziegenmilch, die er heute auf täglich 170 Liter steigern konnte. Und die Nachfrage ist enorm. Üblicherweise vertreibt er ausschließlich Frischmilchprodukte wie Flaschenmilch, Joghurt, Ricotta aber auch Desserts im Hochpreissegment in der gehobenen Hotellerie und exquisiten Bio- und Naturkostläden. Nur bei Milchüberschuss, was selten vorkommt, macht er auch Ziegenkäse. Mit der Direktvermarktung, die natürlich viel mehr Arbeit bedeutet, bleiben ihm 3,80€/Liter im Gegensatz zu den 70 – 80 Cent/Liter, den die Genossenschaft für konventionelle und biologisch hergestellte Ziegenmilch an andere Ziegenhalter auszahlt. Für die Heugewinnung pachtet Perathoner zu seinen 3 Hektar noch 20 Hektar Wiesen. Auf dem Weg zur optimalen Betriebsstrategie musste er manchmal seine eigene Richtung finden. Wegen der Gefahr von Endoparasiten weidet er seine Tiere nicht. Stattdessen steht den Tieren 24 Stunden ein großzügiger Auslauf rund um den Stall zur Verfügung. Schwierigkeiten bereitete ihm auch die Zucht. Mit dem Zukaufeines geprüften Bocks begann die gesamte Herde innerhalb einer Woche zu husten und an Nasenausfluss zu leiden. Auch vier Jahre später laborieren manche Tiere immer noch daran. Seitdem meidet er jeden Fremdkontakt. Er zieht seine eigenen Böcke auf und stellt die Nachzucht durch künstliche Besamung sicher. David arbeitet 365 Tage im Jahr. Sein Tagesablauf folgt einem festgelegten Muster. Alles ist professionell geplant und durchgeführt. Einen Gedanken an Urlaub verschwendet er nicht. Mit dieser „paradoxen Zielsetzung“, ein lukratives Privatvermögen in mehr Arbeit zu investieren und Schulden bzw. hohe Unsicherheiten auf sich zu nehmen, statt sich ein feines Leben zu finanzieren und unternehmerisches Risiko und Verantwortung hinter sich zu lassen, scheint die idealisierte Vorstellung, Geld für sich arbeiten zu lassen, ein wenig angeknackt.

Bei obgenannten Symposium haben folgende Sponsoren mitgewirkt:

sponsoren

 

 

Autoren: Christian Hoffmann, Jutta Staffler, Verena Gramm, Sophia Dellantonio

 

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