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Seit einiger Zeit wird ein alpenweites Netzwerk des kreativen und innovativen Austauschs angestrebt, das ein nachhaltiges Zusammen-leben, Zusammen-wirtschaften und Zusammen-gestalten fördern soll. Die sogenannten Coworking Spaces können einen Beitrag für eine inklusive und partizipative Regionalentwicklung leisten.

Netzwerke und „Communities“, die mitunter durch Coworking Spaces entstehen und unterstützt werden, fördern den sozialen Zusammenhalt, sowie kreative Inputs und innovative Lösungsansätze in der Region. Das Phänomen des „Brain-Drains“ beschäftigt zunehmend auch Südtirol. Gut ausgebildete junge Südtiroler bleiben nach dem Studium im Ausland oder wandern auf der Suche nach einer interessanten Arbeit aus. Gleichzeitig suchen jedoch Südtirols Unternehmen händeringend nach qualifizierten Fachkräften. In Coworking Spaces werden Büroarbeitsplätze sowie die Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Scanner, Zeitschriften, Tische usw.) zur Verfügung gestellt und eine freie, zeitlich flexible Nutzung ermöglicht. Coworking Spaces unterstützen daher die Arbeitsflexibilität, die zukünftig am lokalen und globalen Arbeitsmarkt zunehmend gefordert wird. Personen, die Coworking Spaces bisher besucht haben, sind selbstständige und flexible Arbeitsmodalitäten gewohnt, suchen den sozialen Austausch, sind international verankert und passen sich relativ rasch an neue Umgebungen und Umstände an. Dies kann auch in der durch Covid-19 bedingten Krisenzeit einige Vorteile für die lokale Wirtschaft und Gesellschaft bringen.

Coworking in Südtirol: Was versteht man darunter?

Unter dem Namen Startbase werden verschiedene Coworking-Niederlassungen vernetzt, die auf Bozen, Meran, Bruneck und Schlanders verteilt sind.
Der erste Coworking Space der Startbase Community, wurde im Frühjahr 2017 in Meran eröffnet. Für jede Startbase-Niederlassung ist ein Coworking-Manager in Teilzeit vorgesehen, der die Community der Coworker betreut. Aus der Erfahrung der ersten Niederlassung in Meran zeigt sich, dass Coworker in Südtirol aus verschiedenen Bereichen stammen, wie Grafikdesign, Tourismus, Ingenieurwesen, Medizin und IT. Es sind sowohl Freiberufler, als auch GmbHs, Vereine und Start-ups vertreten. In einem Coworking Space, wie etwa in Meran, halten sich durchschnittlich 22 Coworkers auf, die sich auf die verschiedenen Posten („Desks“ und Meeting Rooms) im Coworking Space verteilen. Die Hälfte von ihnen nutzen das Dienstleistungsangebot des Coworking Spaces über das ganze Jahr hinweg, andere nur für kürzere Zeiträume, etwa für einige Tage oder für eine Saison. Zudem gibt es das sogenannte „Workation“-Modell, bei dem sich ein Unternehmen über einen begrenzten Zeitraum (meist ein bis zwei Wochen) in einem Coworking Space aufhält (siehe dazu auch Coworkation Alps). Die Coworkers verbinden hier Arbeit mit Vergnügen, verstärken Kooperationen und nutzen die Räumlichkeiten neben den unternehmerischen Arbeitsaktivitäten auch für Teambuilding-Aktivitäten. IDM hat die Entwicklung der Startbases mitverfolgt und aktiv unterstützt.

Welchen konkreten Vorteil können die lokale Wirtschaft und die einheimische Bevölkerung in Zukunft aus Coworking Spaces und deren Community ziehen?

Die Lokalpolitik beschäftigt sich seit Februar 2020 vermehrt mit dem Thema Coworking. Wie Carina Matscher von BASIS Vinschgau Venosta berichtet, war im vergangenen Herbst der Landeshauptmann Arno Kompatscher bei ihnen zu Gast, um sich persönlich von dem Projekt zu überzeugen. Seit Oktober 2019 gibt es in Schlanders das erste Coworking Space im Vinschgau. Mit einer Gesamtfläche von 370m² mit Nischen, genügend Abstand und Hygienemaßnahmen, bietet es aktuell eine Antwort für Schwierigkeiten im Home-Office. Laut Matscher setze man sich nun auch in der Landesregierung vermehrt dafür ein, dass nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Gemeinden, so wie es in Schlanders der Fall ist, geteilte Arbeitsplätze gefördert werden. Die Initiative muss von Seiten der Politik ergriffen werden, aber auch die Unternehmen und die Arbeitnehmer selbst müssen sich dafür einsetzen, um jetzt die Chance einer Neustrukturierung zu nutzen… „Flexible Arbeitszeitmodelle wie Home Work, Telearbeit, Smart Work oder eben Coworking machen die Bedingungen in der Heimat attraktiver. Geteilte Arbeitsplätze und flexible nutzbare Gemeinschaftsbüros bieten flexible Arbeitsmöglichkeiten, Netzwerkaustausch und soziale Kontakte. Dazu kommt die Vereinbarung von Familie und Beruf. Durch innovative Infrastrukturen in der unmittelbaren Umgebung sollen auch PendlerInnen in Zukunft einen angenehmeren Tagesablauf erfahren und dadurch effizienter arbeiten“, erklärt Matscher.

Coworking Spaces bieten ArbeiterInnen und intersektorale Projektteams die Möglichkeit, außerhalb des Betriebes, nahe des Wohnortes zu arbeiten. Dies nutzen Startups, Freiberufler und digitale Nomaden. Für die peripheren Gebiete Südtirols ist vor allem die Reduzierung des Pendlerverkehrs und die Aufwertung und Unterstützung der lokalen Gasbetriebe und Kaufleute wichtig. Ein weiterer Punkt ist die Wiederbelebung und der Sozialkontakt innerhalb dieser Gebiete. Durch die Kontakte und den Austausch, die in einem Coworking Space gefördert werden, können neue Projektideen entstehen und somit lokale Kreisläufe vorangetrieben werden. Matscher von BASIS Vinschgau Venosta betont, dass gerade in der jetzigen Zeit eine ehrliche Selbsteinschätzung der Betriebe wichtig sei, damit ein Change-Prozess in Gang gesetzt werden kann. „Das Ergebnis des digitalen Stammtisches zum Thema “Erkenntnisse der Krisenzeit für die lokale Wirtschaft” von BASIS Vinschgau Venosta hat gezeigt, dass das Thema New Work nun angegangen werden muss – jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um gezielte Maßnahmen zu ergreifen, die eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in Gang setzen – und dazu gehöre vor allem Agilität in der Unternehmensstruktur und moderne Arbeitsformen.“

„Es gilt über die Gesellschaft nachzudenken, in der wir leben“

So lautete der Kommentareines Teilnehmers des Digitalen Stammtisches von BASIS Vinschgau, am 7. April 2020. Es nahmen über dreißig Teilnehmer aus Südtirol und den anliegenden Regionen teil, u.a. Vertreter aus der Forschung, Wirtschaft und Kultur. Ein bunter, transdisziplinärer Mix und doch mit einem gemeinsamen Ziel: die Suche nach Austausch und konstruktiver Veränderung.

„Das Projekt Innovationszentrum und Urban Hub will Wissen mit Praxis verbinden“, erklärt Hannes Götsch von BASIS Vinschgau in Schlanders und ergänzt „…es gilt, das Knowhow und die Wertschätzung lokaler Produkte und Prozesse mehr zur Geltung zu bringen. Flexibilität, neue Perspektiven, Schnelligkeit bei der Umorientierung in der Produktion und das Thema Umweltmanagement und Nachhaltigkeit: Das könnten die Leitlinien sein, die wir gemeinsam teilen, themenübergreifend behandeln und bei denen wir konkret ansetzen wollen. Der Stammtisch ist eines von vielen Formaten von BASIS Vinschgau Venosta, bei denen sich die TeilnehmerInnen auf gleicher Augenhöhe austauschen können (siehe auch IATZ zamhelfen). Die gesammelten Ideen helfen uns, nach dem Bottom-Up Prinzip, weitere Schritte und Maßnahmen in die Wege zu leiten oder dienen manchmal ganz einfach nur dem Informationsaustausch und der Meinungsbildung“.

Der nächste BASIS Stammtisch digital findet am 19. Mai 2020, um 19.30 Uhr statt und behandelt das Thema „Co-living / Co-housing – Moderne Wohnformen“. Der Link zum Online-Event wird zeitnah auf den Kanälen von BASIS Vinschgau Venosta verkündet (BASIS.SPACE).

In Krisenzeiten kann man von Netzwerken und Communities, die durch und um Coworking Spaces herum entstehen, profitieren. Sie tragen dazu bei, trotz physischer Distanz und sozialer Isolation, den Ideen- und Informationsaustausch zu fördern, gemeinsame Diskussionen sowie konkrete zukunftsorientierte Lösungsansätze für Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gemeinsam weiterzuführen.

Image: Basis Vinschgau_Felix Mitterer

Autorin: Eleonora Psenner

Die Autorin bedankt sich bei Philipp Corradini (Eurac Research, Institut für Regionalentwicklung), Valentina Cramerotti (IDM AG Coworking Space Startbase) und Carina Matscher (BASIS Vinschgau Venosta) für die wertvollen Inputs zum Beitrag und für die gute Zusammenarbeit.

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