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Der Wunsch im Urlaub in innovativen Unterkünften zu wohnen ist seit der Einführung von Airbnb auch für den Otto-Normalurlauber Realität geworden. Baumhäuser, Jurten, Hausboote, Indianerzelte, Almhütten – die Möglichkeiten, auf Klassiker wie das Hotel oder die Ferienwohnung zu verzichten, steigen und erfreuen sich großer Beliebtheit. Doch abseits dieser ausgefallenen Urlaubsmöglichkeiten hat sich ein traditionelles Segment, welches in Südtirol noch nicht die erwartete Aufmerksamkeit bekommen hat, stark entwickelt: Reisen im Wohnmobil oder Caravan.

Betrachtet man die aktuellen Zulassungsstatistiken des Referenzmarktes Deutschland der vergangenen Jahre, dann wird schnell klar, dass der Markt für Reisemobile und Caravans überproportional wächst. Von einem Zulassungsrekord zum anderen – im Ergebnis: überdurchschnittliche Wachstumsraten. Camping ist en vogue – vor allem das Reisen in Wohnmobilen.

Auch wenn dem Camping von manchem Touristiker immer noch das Image des Billigurlaubs mit geringer Wertschöpfung für die Destination nachgesagt wird, ist für viele Destinationen dieses Segment aus dem Angebots-Mix nicht mehr wegzudenken – nicht nur für Badeurlaub am Meer oder See, sondern auch für Outdoor-Reisen, Kultur- und Gourmetreisen.

Camping Use Cases und Reisemotivation
Versucht man den Camping-Markt grob zu segmentieren, dann lassen sich primär zwei zentrale Use Cases ableiten. Der Use-Case (1) ‚Langzeitcamper‘, der mit Sack und Pack und/oder Kind und Kegel für einen längeren Zeitraum kampiert, es sich am Campingplatz gemütlich einrichtet und sich in der Destination mit dem Wohnmobil relativ wenig bewegt, denn jeder Ausflug vor Ort erfordert einen bestimmten Organisationsaufwand. Die Mobilität vor Ort beschränkt sich oftmals auf die Nutzung der mitgenommenen Fahrräder, Motorroller oder -räder (seltener bei Familien) oder dem ÖPNV, insofern der Campingplatz eine Anbindung hat. Dieser Use-Case (1) ist vor allem dem Badeurlauber (Meer oder See) vorbehalten, teilweise auch für Skiurlauber geeignet und erfordert seitens der Campingplatzbetreiber meist ein umfangreiches Infrastruktur- und Serviceangebot, um den Aufenthalt am Platz so angenehmen als möglich zu gestalten.

Use-Case (2) ‚Explorer‘ orientiert sich eher an einer Route und stellt oftmals einen Mix aus Erholung und Entspannung, Kultur-, Aktiv- und Genussurlauber dar. Das Bereisen bestimmter Regionen bzw. ganzer Länder ist das Hauptmotiv für diese Art des Campingurlaubes. Die Aufenthaltsdauer kann von wenigen Tagen bis hin zu mehreren Wochen und Monaten reichen. Die kilometertechnische Erreichbarkeit der Destination spielt aus Sicht der Zielgruppe dabei ein wesentliche Rolle, da die Anreise zeitlich und finanziell einen erheblichen Aufwand darstellen kann. Je nach geographischer Erreichbarkeit entscheidet die Camping-Community, ob eine Destination als Kurzurlaub, als mehrwöchiger Aufenthalt oder als Etappe einer größeren Route (bspw. Etappe einer Italienreise oder Alpentour) für die Camping-Community in Frage kommt.

Der Camping-Markt in Südtirol
Südtirol hat im Vergleich zur Nachbarregion Trentino ein dünneres Netz an Campingplätzen, obwohl Klima, Landschaft und Positionierung der Destination sich sehr ähnlich sind. Die zahlreichen und teils großen Badeseen im Trentino sind bei Camping-Urlaubern eine beliebte Destination. Südtirol hat zwar einige Highlights, aber im Vergleich zum Trentino ist das Camping-Angebot sehr überschaubar. Im Tourismusjahr 2014/2015 gab es in Südtirol 4.088 gewerbliche Unterkunftsbetriebe (Hotels und Residence). Im Vergleich dazu waren 2014/2015 47 Campingplätze am Markt (1,15%). Dennoch, auch im Vergleich zu anderen Kategorien wie Privatzimmervermieter oder Urlaub auf dem Bauernhof bilden die Campingurlauber das Schlusslicht im Südtiroler Tourismus (Datenquelle ASTAT). Wirft man im Vergleich dazu einen Blick auf die Zahlen im Trentino, dann sind dort 3.085 gewerblichen Unterkunftsbetriebe und 68 Campingplätze geöffnet (2,2%) – im Verhältnis also mehr als doppelt so viele.

Eignet sich Südtirol nicht für den Campingtourismus oder hat die Politik die Entwicklung des Campingtourismus in Südtirol gar verhindert? Oder mangelt es an unternehmerischem Engagement und den erforderlichen Ressourcen?

Camping am Bauernhof – eine Win-Win Innovation?
Die aktuellen Statistiken lassen kaum Zweifel offen, dass sich der Tourismus in Südtirol prächtig entwickelt – mit all seinen Herausforderungen und Chancen. Der Gedanke, die Destination Südtirol auch noch stärker für die Zielgruppe Camping aufzurüsten, mag dem einen oder anderen Zeitgenossen ein ‚muss das jetzt auch noch sein‘ über die Lippen kommen lassen. Die Gegenfrage aber ist: Kann es sich Südtirol leisten diese Zielgruppe zu vernachlässigen und welche positiven Impulse für die Region als Ganzes könnte ein Angebot ‚Urlaub auf dem Bauernhof‘ mit sich bringen? Versuchen wir das Gedankenspiel zu Ende zu denken und aus der Perspektive Markt/Anbieter einige zentrale Aspekte kurz zu hinterleuchten.

Camping am Bauernhof und Markenidentität Südtirol
Vorausgesetzt das Produkt Camping auf dem Bauernhof wird als kontrolliertes Qualitätsprodukt angeboten, bietet es als touristisches Produkt gute Voraussetzungen, um die Markenwerte Authentizität, regionale Produkte und alpine Kompetenz der Südtirol-Marke zu vermitteln. Zudem kann ‚Camping auf dem Bauernhof‘ mit zwei von vier strategischen Stoßrichtungen der Südtirol Tourismusentwicklung, Wandern und Radfahren, ideal kombiniert werden. Camping auf dem Bauernhof ist als Produkt in der Lage dem Kontext der Südtirol-Marke eine Sinndimension zu geben, wo Natur, Outdoor und Genuss zu einer ganzheitlichen Urlaubserfahrung werden.

Camping kann auch einen Beitrag leisten, um die Nebensaisonen zu stärken und den Tourismus weniger stark von den Hauptmärkten Deutschland und Italien abhängig zu machen. Letzteres vor allem dann, wenn eine Südtiroler Initiative mit anderen alpinen Regionen kooperieren würde, um ein attraktives, inter-regionales Angebot an Routen zu etablieren. Vor allem in Hinblick auf die Zielmärkte, die für die Destination Südtirol zukünftig von Interesse sein könnten, kann eine Verbesserung des Camping-Angebotes ein strategisches Puzzle-Teil werden. Märket wie Frankreich, UK und die skandinavischen Länder haben eine sehr ausdifferenzierte Camping-Kultur und Themen wie carbon footprint spielen in diesen Märkten eine immer wichtigere Rolle. Camping ist zwar nicht C02-neutral, aber im Gegensatz zu anderen Reiseformen ist der Impact deutlich geringer. Ökofreundliche Campingangebote sind zudem weiter auf dem Vormarsch.

Sehnsucht Natur, Rückzug und Lernerfahrung
Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass Natur, Rückzug und Lernerfahrung(en) als zentrale Reisemotive weiter an Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie die Camping auf dem Bauernhof Konzepte von ‚France Passion‘ (Frankreich), Fattorie Amico (Italien) oder ‚Britstops‘ (UK) könnte ein Südtiroler Modell diese Anforderungen heute schon bedienen. Der Bauernhof als Camping-Destination, um Land und Leute kennen zu lernen und Einblicke in die Landwirtschaft und Herstellung von regionalen Produkten zu erleben.

Diversifikation und Leben am Berg
Aus Anbieter-Sicht könnte das Geschäftsmodell Urlaub auf dem Bauernhof eine interessante Möglichkeit für einen Zuerwerb darstellen. Das Angebot sollte, wie bei den aufgelisteten Konzepten in anderen Ländern, immer die Kombination Übernachtung und Hofprodukte in den Fokus stellen, denn dies würde einen zusätzlichen Anreiz schaffen, die Veredelung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu forcieren und dadurch einen Beitrag zur Optimierung der bäuerlichen Wertschöpfungskette zu leisten. Der Camping-Urlauber kann dabei auch als Vertriebskanal fungieren, denn im Gegensatz zum Fluggast hat dieser auch die Möglichkeit bspw. drei Kisten Apfelsaft mit nach Hause zu nehmen.

Gesellschaftspolitisch wäre die Sicherstellung von attraktiven Zuerwerbsmöglichkeiten vor allem für die alpine Landwirtschaft wünschenswert, denn nur wenn die ökonomische Existenz und die Weiterentwicklung der bäuerlichen Betriebe sichergestellt werden können, wird es langfristig möglich sein, der doch auch für Südtirol erwarteten Landflucht entgegenzuwirken.

Einfachheit statt Infrastruktur – Innovation statt Status-quo
Die Entwicklung eines Modells für Camping auf dem Bauernhof in Südtirol sollte dennoch mit großer Sorgfalt bedacht werden, denn jede weitere Infrastruktur stellt den ohnehin schon stark genutzten Naturraum Südtirols vor weiteren Herausforderungen. Dennoch, ein ökologisch verantwortungsvolles Camping-Konzept wäre machbar und sollte nur minimale bauliche Maßnahmen vorsehen (Dusche, Toilette). So kann sichergestellt werden, dass zukünftig auch mögliche Strategien des Rückbaus keine große Debatte auslösen (siehe aktuelle Diskussion zu ungenutzten Hotelbauten). Zudem könnten auch Verbindlichkeiten für die Landwirte integriert werden, um bspw. die Nutzung grüner Mobilitätslösungen voran zu treiben. Die Verfügbarkeit von Pedelecs (e-Bikes) für Campinggäste, sichere und überdachte Abstellplätze, Ladestationen, MobilCards, etc. Hier gilt es die Bauern zu unterstützen, denn es ist für die Qualität des Lebensraum Südtirol entscheidend, einen weiteren Anstieg des Verkehrsaufkommens zu vermeiden. Landesweite Systemlösungen (ähnlich wie ein Maschinen-Ring) im Bereich der e-Mobilität könnten so verstärkt und dezentral besser etabliert werden, wenn die Bauern aktiv eingebunden werden.

Für die stark wachsenden Zielgruppe der Radurlauber wäre ein gut vernetztes Camping-Angebot zudem ein Argument, Südtirol zu besuchen. Mehrere Indikatoren zeigen in die Richtung, dass sich Trends wie bspw. das bikepacking international stark etablieren werden. Und es wäre absolut wünschenswert, die Landwirte bei der Entwicklungen der Radinfrastruktur stärker zu binden, denn der Segen oder Fluch der Bauern ist immer noch entscheidend, wenn es darum geht, Südtirol radfreundlicher zu machen.

Eine geteilte Verantwortung, um Innovationen in dem etablierten Tourismusland Südtirol voran zu treiben wären zielführend: Camping auf dem Bauernhof und Radtourismus – beides sind Themen, welche die Tourismusentwicklung in Südtirol zukünftig beschäftigen werden. Beide sind Wachstumsmärkte, die einer Resortisierung der Destination Südtirol entgegenwirken und sicherstellen, dass die Wertschöpfung im Tourismus auch die Gastronomie und den Handel erreicht.

Verlierer dürfte es kaum geben, denn eingefleischte Campingurlauber lassen sich auch vom attraktivsten Hotelangebot nicht ködern.

Autor: Manuel Demetz

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