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CC-BY-0: Unsplash

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In diesem UNO Jahr zu den bäuerlichen Familienbetrieben ist viel die Rede von Bedeutung und Zukunft der kleinen Landwirtschaftsbetriebe in Familienhand. Familienbetriebe machen fast 100% der europäischen Landwirtschaftsbetriebe aus. Sie sind meist extrem kleinstrukturiert mit weniger als 2 ha Fläche, machen in der EU aber auch 60% der größten Betriebe mit 100 ha Fläche aus (Südtirol: 31%, IT: 57%, AT: 59%). Die EURAC hat zum Themenschwerpunkt bäuerliche Familienbetriebe kürzlich mit dem Südtiroler Bauernbund eine internationale Tagung veranstaltet.

Für die kleinen Familienbetriebe in Berggebieten sind die Herausforderungen angesichts Klimawandel, Migration/Urbanisierung und fehlender Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Die Entwicklung des Sektors wird gesteuert von einem komplexen Zusammenspiel inner- und außerbetrieblicher Triebkräfte. Dazu gehören das Alter des Betriebsleiters, die Anwesenheit eines Hofnachfolgers, die Agrarpolitik und der regionale Arbeitsmarkt. Ein großer Zusammenhang existiert zwischen moderaten Aufgaberaten und Tourismusintensität: In Gebieten mit hohem Tourismusaufkommen haben weniger bäuerliche Betriebe ihre Tätigkeit aufgegeben. Im Umkehrschluss: Wenig Tourismus, wenig Landwirtschaft.

Die alpenweite Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe (siehe Studie Agralp und Monas) in den letzten drei Jahrzehnten zeigt, wie dramatisch sich diese Faktoren auswirken können. In den Alpen verschwanden zwischen 1980-2010 mehr als die Hälfte der Betriebe. Besonders betroffen: der italienische Alpenbogen (PDF Karte hier öffnen). Moderat verändern sich die Betriebszahlen in Südtirol, Osttirol, Lungau und in Pinzgau-Pongau. Selbst in den letzten 10 Jahren ging die Zahl der Alpen-Betriebe weiter um 25% (konform mit dem EU-weiten Durchschnitt), in manchen Alpenteilen sogar über 30% zurück. Die Karte zeigt aber auch die großen regionalen Unterschiede. Betroffen sind nicht nur die Berggebiete: Die Aufgaberaten in den Alpengebieten sind verglichen mit den nationalen Werten nicht immer höher, wie man vielleicht erwarten könnte. In Österreich und Deutschland liegen die Aufgaberaten in Berggebieten deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Der hohe Überalterungsgrad der italienischen Landwirte hingegen gibt wenig Hoffnung für positive Zukunftsaussichten. Die regionalen demographischen, ökonomischen und soziokulturellen Unterschiede werden auch zukünftig zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen.

Aber das ist nur eine Seite des so genannten Agrarstrukturwandels. Viele Betriebe haben ihre Diversifizierungs-, Spezialisierungs-, Zu- und Nebenerwerbsmöglichkeiten gefunden. Ein besonderes Beispiel stellt die Soziale Landwirtschaft dar. Unterstützt von innovativen Finanzierungsmodellen wie Crowdfunding und Comunity Supported Agriculture sind einige Betriebe erfolgreich bei der Vermarktung von speziellen Qualitätsprodukten (siehe FAO-Studie Mountain Farming is Family Farming). Ein fakultatives EU-Label für Berggebietsprodukte („mountain product“) soll dies weiter fördern (EU-Verordnung No. 1151/2012). Vorreiter war jedoch die Schweiz mit der Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen zur offiziellen Kennzeichnung von Berg- und Alpprodukten. Eine tiefergehende, horizontale und vertikale/intersektorale Kooperation sowie eine auf Qualitätsprodukte ausgerichtete innovative Diversifizierung über mehrere ökonomische Standbeine scheinen vielversprechende Strategien zu sein.

Was aus der Kulturlandschaft werden kann, wenn sich die Landwirtschaft flächenmäßig zurück entwickelt, ist z.B. in Südtirols Nachbarprovinz Belluno zu sehen. Treffen Betriebs- und Flächenaufgabe zusammen (v.a. im italienischen Alpenbogen), dann halten Wald, Wolf und Wildnis Einzug. Mit den bekannten Folgen für die Biodiversität und häufig (viel zu) emotional geführten gesellschaftspolitischen Diskussionen. Landwirtschaftliche, ökologische und räumliche Entwicklungen stehen im ländlichen Raum in engen Wechselbeziehungen und beeinflussen die Lebensqualität maßgebend. Diese zu verstehen und nachhaltig miteinander zum gegenseitigen Nutzen zu vereinen sind interessante und herausfordernde zukünftige Forschungsfelder, wo eine interdisziplinäre Methodik eine wichtige Rolle einnehmen wird, um ergebnisorientiert arbeiten zu können und dabei die Interessen verschiedener Stakeholder ins Lot zu bringen.

Betroffen ist ein Wirtschaftssektor mit einem geringem Anteil an der gesamten Bruttowertschöpfung (EU: 1,4%, Südtirol: rund 4%) und wenig Beschäftigten (EU: 5,2%), wobei Südtirol mit 9,5% auch hier über dem Durchschnitt liegt. Im ländlichen Entwicklungsprogramm wurde dieser Umstand wie folgt formuliert: „…dass die Südtiroler Landwirtschaft zwar in ein blühendes, produktives Wirtschaftsgefüge eingebunden ist, dass sie aber nur begrenzt und eindeutig nicht im Verhältnis zu ihrer Bedeutung im lokalen Kontext zur Wertschöpfung im Lande beiträgt.“ Die globale Performance der Südtiroler Bauern in Verknüpfung mit den Genossenschaften hat die FAO gewürdigt (FAO Innovation in Family Farming). Letzteres geht aber meist nicht ohne eine fokussierte und folgenreiche Landbewirtschaftung (siehe die Diskussion um das Malser Referendum). Es sind Formen einer agroindustriellen Landwirtschaft, die in Europa immer mehr um ihr gesellschaftliches Image kämpfen muss.

In Zukunft, insofern die Landwirtschaft einen breiten öffentlichen Rückhalt anstrebt, muss sie sich technologisch verbessern (Abdrift, Abstände), sensibler und verantwortungsbewusster für das Gemeinwohl werden (Risiko-Sätze, Vermeidung von bestimmten Pflanzenschutzmittel wie das Insektizid Imidacloripid, das u.a. im Apfelbau eingesetzt wird) sowie sich extensiver und ökologischer ausrichten. Aktuell wird das Südtiroler Raumordnungsgesetz neu geschrieben und somit ein Teil der landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen neu definiert. Der Gesetzgeber wird die zukünftigen Meilensteine definieren, welchen Weg die Landschaftsentwicklung zukünftig in Südtirol einschlägt. Ein Paradigmenwechsel hängt aber nicht nur an dem Willen der Gesetze, sondern auch ganz stark und nicht zuletzt von uns Konsumenten ab: Welche Lebensmittel wollen wir kaufen, wie wollen wir uns ernähren.

Autor: Thomas Streifeneder

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