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Am 20.10.2016 hat in Bern eine Tagung zum Thema: „Das Tourismus-Gen entschlüsselt“ stattgefunden. Anlass waren 75 Jahre Tourismusforschung in der Schweiz. Mitten im Zweiten Weltkrieg hatten die Universitäten Bern und St. Gallen im Jahre 1941 Tourismusvorlesungen eingerichtet und damit den Grundstein für eine international anerkannte Forschungstradition im Bereich Tourismus grundgelegt. Die Professoren Krapf (Bern) und Hunziker (St. Gallen) hatten damit die Basis für eine Fremdenverkehrsbetriebslehre geschaffen, in der Folge ein gemeinsames Lehrbuch geschrieben und im Jahre 1951 obendrein die AIEST (Association Internationale D’Experts Scientifiques Du Tourisme), deren Präsident EURAC-Institutsleiter Harald Pechlaner derzeit ist, gegründet. Seitdem ist viel Zeit vergangen und längst hat sich eine Tourismuswissenschaft auf weltweiter Ebene etabliert.

Warum braucht es eine Tourismusforschung?
Prof. Dr. Thomas Bieger, selbst Inhaber eines Lehrstuhls für Tourismus an der Universität St. Gallen und derzeit Rektor der Hochschule, hatten in seinen Ausführungen anlässlich des Festaktes mehrere Gründe genannt, warum Tourismuswissenschaft heute mehr denn je von Bedeutung ist: Zu allererst ist Tourismus ein strategisch wichtiger Sektor und stellt auf globaler Ebene einen der wenigen wirtschaftlichen Wachstumsfelder dar, in welchen auch kräftig investiert wird. Die Bedürfnisse nach Ferien, Freizeit und Urlaub sowie entsprechender Aufenthaltsqualität bei Reisen stellen ein immens großes Nachfragefeld dar. Der Tourismus ist Nukleus für Beziehungen auf regionaler Ebene und stellt eine Möglichkeit dar, um regionalen Ausgleich zu ermöglichen bzw. regionale Disparitäten auszugleichen. Des Weiteren stellt der Tourismus ein faszinierendes Lehrgebiet dar, was man an der studentischen Nachfrage an Universitäten und ganz besonders an Fachhochschulen erkennen kann. Tourismus stellt für Universitäten häufig einen Faktor der Internationalisierung dar, weil gerade in diesem Bereich eine besondere internationale Vernetzung notwendig ist, um die Problemstellungen und Herausforderungen im Kontext internationalen Forschungsaustausches zu lösen. Viele Aspekte des Konsumentenverhaltens äußern sich bei Reisen und im Urlaub, bevor man sie in anderen Konsumfeldern erkennen kann. Tourismus stellt demzufolge ein wichtiges Schaufenster in gesellschaftliche Entwicklungen dar. Ein letzter wichtiger Punkt, den Prof. Thomas Bieger unterstrich, ist der Querschnittsfunktion des Tourismus geschuldet, welche ein hohes Maß an Multi- und Interdisziplinarität sowie an Praxisbezogenheit erfordert. Die Multidisziplinarität ist der Vorteil der Universitäten, während dem die Praxisbezogenheit wesentlich mehr ein konstitutives Merkmal von Fachhochschulen darstellt.

Tourismus ist mehr als nur Tourismus!
Es ist interessant zu beobachten, dass aus den Lehrstühlen für Tourismus zunehmend integrative und vernetzte Einheiten an den Universitäten St. Gallen und Bern entstanden sind. In Bern besteht heute das Center for Regional Economic Development (CRED) als ein interfakultäres Zentrum für Forschung, Lehre und Beratung zu Fragen der regionalen Wirtschaftsentwicklung. Dieses gliedert sich in die vier Forschungseinheiten: Volkswirtschaft, Entrepreneurship, Geographie und Tourismus. Mit anderen Worten: Der Tourismus wird in Bern heute in einem breiteren Kontext der Regionalforschung unter besonderer Berücksichtigung ökonomischer und geographischer Fragestellungen diskutiert. In St. Gallen ist der Tourismus als Forschungsbereich in das Institut für Systemisches Management und Public Governance integriert. Fragen des Managements bzw. der besondere Fokus der Betriebswirtschaftslehre stellen den Rahmen für die Tourismusforschung in St. Gallen dar.

Und was hat dies alles mit der Regionalentwicklung an der EURAC zu tun?
Und nun zur EURAC und seinem Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement: Der Tourismus versteht sich an diesem Institut ebenso als integrativer Bestandteil der Regionalforschung im Spannungsfeld einer Vielzahl von Disziplinen. Tourismus ist weniger eine Disziplin, denn viel mehr ein Phänomen, welches sich idealerweise einer Vielzahl unterschiedlicher Disziplinen bedient und damit zu einem strategischen Faktor der Regionalentwicklung in unterschiedlichen Ausprägungen werden kann. Es greift zu kurz, Tourismus als autonomen Wirtschaftssektor zu betrachten, vielmehr geht es darum die raum- und netzwerkspezifische Besonderheit des Tourismus in den Mittelpunkt zu stellen. Das EURAC-Institut für Regionalentwicklung und Standortmanagement verknüpft demzufolge Multi- und Interdisziplinarität ebenso wie ein hohes Maß an Praxisbezogenheit und nimmt Entwicklungen des interdisziplinären Verständnisses von Tourismus vorweg, welche an Universitäten erkennbar auch werden.

Autor: Harald Pechlaner

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